Bandscheibenvorfall: Therapien, Vor- und Nachsorge

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von Ina Henrichs

 

Oliver Rosen kann sich nicht erinnern, jemals Rückenprobleme gehabt zu haben. „Nie, obwohl ich schon immer groß war. Keine Verspannungen, keine Zerrungen, nichts.“ Sein erster Bandscheibenvorfall traf ihn wie aus heiterem Himmel, sein zweiter – ungleich schwerer – ereilte ihn im Fitnessstudio. Seit dem dritten Vorfall hat er seinen Alltag radikal verändert.

Als der erste Vorfall – völlig überraschend – kam, war Oliver Rosen (Name geändert) 38 Jahre alt. In der Rückschau allerdings findet er sehr wahrscheinliche Erklärungen: Er habe jahrelang falsch im Büro gesessen. Die Möbel waren zu niedrig, weshalb sich Rosen mit seinen 1,97 Meter unterm Schreibtisch lang machte, die Tastatur quasi auf der Brust. Die Arbeit in dieser Position allein war schon eine harte Belastungsprobe für den Rücken. Er sei zwar sportlich, doch seine Kräftigungsübungen, räumt er ein, seien vermutlich zu einseitig gewesen.

Schließlich fällt ihm das dilettantische Einführungstraining in einem billigen Fitness-Studio ein: „Ich bekam diese Hanteln mit Griff in die Hand gedrückt mit der Aufforderung, sie beherzt zwischen den Beinen durchzuschwingen.“ Direkt mit 20 Kilogramm zu beginnen, war wohl ein Fehler. Ein paar Wochen später traten quälende Schmerzen auf: Die Bandscheibe zwischen dem fünften Lendenwirbel und dem ersten Steißbeinwirbel hatte es erwischt. Er humpelte und konnte den rechten Fuß kaum anheben.

Ein Bandscheibenvorfall ist vergleichsweise selten

Im Vergleich zu den unspezifischen Rückenleiden – mittlerweile eine Volkskrankheit – wird ein Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps, Bandscheibenprolaps) eher selten registriert. Bis zu drei Prozent der Deutschen leiden einmal in ihrem Leben unter Schmerzen, die tatsächlich von einem Bandscheibenvorfall herrühren. Meist tritt er zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr auf, bei Frauen häufiger als bei Männern. In 90 Prozent der Fälle ist die Lendenwirbelsäule betroffen, weil sie die Hauptlast des Körpers trägt. Die Bandscheibe, bestehend aus einem Gallertkern und einem Faserknorpelring, fungiert wie ein Stoßdämpfer zwischen den Wirbeln. Sie verliert bei Belastung Flüssigkeit, die sie bei Entlastung wieder aufnehmen kann.

Diese wechselnde Druckbelastung ist wichtig: „Die Bandschreibe braucht Bewegung, um ernährt zu werden“, formuliert es Dr. Boris Feodoroff, Experte für Bewegungstherapie, bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Laufe der Zeit werden Bandscheiben immer spröder und je weiter dieser natürliche Verschleiß voranschreitet, desto wichtiger wird es, sich auf die Muskulatur verlassen zu können.

Kommt es zu einem Bandscheibenvorfall, reißt der Faserknorpelring und Gewebe tritt aus. „Fast nie ist eine einzige Bewegung daran schuld“, betont Feodoroff. Abgesehen von der Abnutzungserscheinung sei meist davon auszugehen, dass die Rückenmuskulatur über Jahre hinweg unterfordert wurde. Der Betroffene hat wahrscheinlich zu viel gesessen, sich zu wenig oder nicht vielseitig genug bewegt. Es gibt viele Wege, etwas für seinen Rücken zu tun. Eine Möglichkeit ist das Pilates-Training. Wir bieten Ihnen in unserer Fotostrecke „Rückenschmerzen vorbeugen – mit Pilates“ einige Eindrücke zum Pilates und zeigen einige, gängige Pilates-Übungen.

Bandscheibenvorfälle können spontan heilen

Nicht jeder Bandscheibenvorfall erzeugt Schmerzen. Das passiert nur, wenn das ausgetretene Gewebe auf einen Nerv drückt. Ist das der Fall, nehmen die Beschwerden üblicherweise nach sechs bis acht Wochen von selbst wieder ab. Das vorgefallene Stück der Bandscheibe trocknet langsam aus und wird im Zuge des Entzündungsprozesses abgebaut. Die Schmerzen werden die allermeisten Patienten mit konservativer Therapie wieder los. Das heißt, mit Schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten, Wärme, Sport und Physiotherapie.

Darauf setzte auch Oliver Rosen, der sich für Akupunktur und CT-gestützte Spritzen entschied. Dabei wird unter anderem Kortison an der betroffenen Nervenwurzel injiziert. Rosen begann außerdem mit gezieltem Gerätetraining, um seinen Rücken zu stärken. Er fühlte sich wieder gut – bis zu jenem Urlaubstag, an dem er beim Kamelreiten einen Schlag auf den unteren Rücken bekam.

Er reduzierte daraufhin vorsichtshalber die Gewichte beim Training, steigerte sie allerdings viel zu früh wieder auf 100 Prozent und führte eine Übung „unsauber aus“, wie er sagt. Das war der Auslöser des zweiten Vorfalls, der ungleich schwerer daherkam: Diesmal wurden sogar die Nerven im rechten Bein geschädigt.

Krafttraining nach Bandscheibenvorfall

Niemand kann sagen, ob er den zweiten Bandscheibenvorfall hätte vermeiden können. Boris Feodoroff warnt nur grundsätzlich davor, bei der Rehabilitation ausschließlich Krafttraining an festen Geräten zu betreiben. „Das läuft immer geradlinig, wie in Schienen“, gibt er zu bedenken. Auf diese Weise würden längst nicht alle Muskeln angesprochen, die für die Stabilität des Rumpfes wichtig sind. Die Rede ist von autochthonen Muskeln, die nicht willkürlich angesteuert werden können.

Sie lassen sich ausschließlich durch Reflexe aktivieren, etwa wenn sich der Körper nach einem Stolperer wieder fängt. „Diese Muskeln sind für die Kleinstbewegungen zuständig“, erklärt Feodoroff und rät deshalb zu einem freien, funktionellen Trainingsprogramm, in dem vielfältigste Impulse gesetzt werden. Die beste Sportart, die er direkt nach einem Bandscheibenvorfall empfiehlt: Aqua-Gymnastik, weil sie schonend fordert.

Operation bei Lähmung und Inkontinenz

Oliver Rosen versuchte auch diesmal, die Symptome mit Spritzen zu behandeln. Angesichts einer MRT-Aufnahme riet der erste Arzt gleich zur OP. Wobei immer gilt: Nicht die Bilder, sondern die Beschwerden sollen behandelt werden. Diesmal jedoch wurden Rosens Gesäß und die Oberschenkel taub, weshalb er sich eine Woche nach dem Vorfall ins Krankenhaus begab und notoperiert wurde. Der Eingriff war nicht mehr zu umgehen.

Wenn hochgradige Lähmungen auftreten, Enddarm und Blase nicht mehr zu kontrollieren sind, muss der Bandscheibenvorfall operativ beseitigt werden. Darin sind sich die Experten einig. „Dann handelt es sich um Notfälle, die noch möglichst innerhalb eines Tages operiert werden müssen“, sagt Sandro Krieg, Neurochirurg am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Das sind jedoch Ausnahmen. In allen anderen Fällen muss nicht, kann aber operiert werden. In jedem Fall bleibt dem Patienten genug Zeit, sich zu informieren.

„Man weiß inzwischen, dass sich zwei Drittel der Patienten etwa selbst mit leichten Beinschwächen mit oder ohne Operation gleich gut erholen“, sagt der Professor. Operierte Patienten seien zwar schneller wieder arbeitsfähig, aber nach zwei Jahren bestünden keine Unterschiede mehr zur Wirkung einer konservativen Behandlung. Eine weitere mögliche Indikation für einen Eingriff seien natürlich Schmerzen, die auch nach mehreren Wochen nicht nachlassen. Klar ist, dass sie behandelt werden müssen, bevor sie chronisch werden. Trotzdem ist auch dann eine Operation nicht zwingend notwendig.

Erfolgsaussichten nach einer Bandscheiben-Operation

Bei Rosen war die Taubheit nach der Operation sofort verschwunden, doch es blieb eine Schwäche im rechten Bein und Fuß. Er begann recht früh mit dem Wiederaufbau: Physiotherapie, Strom für die geschwächten Nerven, Stabilisierung des Rumpfes. „Ich tat alles, um endlich Ruhe zu haben in diesem Bereich.“ Kaum fühlte er sich wieder gut, setzten erneut Schmerzen entlang des Ischias ein. Auslöser für den dritten Vorfall: unbekannt. Es folgte eine zweite Operation, bei der die gesamte Substanz entfernt wurde, nicht nur das, was ausgetreten war.

Erneute Bandscheibenvorfälle nach einer Operation kann man nicht ausschließen. Bei einem modernen Eingriff wird heutzutage nur das Gewebe beseitigt, das tatsächlich austritt. Das erhöht laut Sandro Krieg zwar leicht das Risiko eines erneuten Bandscheibenvorfalls. „Aber wenn sofort alles ausgeräumt wird, steigt die Gefahr, dass der Patient künftig stärker unter Rückenschmerzen leidet, weil nichts mehr vom Stoßdämpfer übrig ist.“ 90 Prozent der Patienten mit einem Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich profitieren dauerhaft von der OP. Eine Garantie gibt es nie: „Wir geben dem Nerv eine Chance, sich zu regenerieren. Und in den meisten Fällen tut er das.“

Mikrochirurgischer Eingriff bei Bandscheibenvorfall

Vor der Entscheidung für oder gegen eine OP steht die ausgiebige Beratung. Jeder sollte sich eine zweite Meinung einholen, nicht nur bei denen, die eine konservative Therapie anbieten. Er sollte auch diejenigen fragen, die tatsächlich operieren. Sandro Krieg wird häufig mit diffusen Ängsten konfrontiert. Ist der Eingriff nicht gefährlich? „Wenn sie von einem Hausarzt durchgeführt wird, ja“, entgegnet er dann. Ist von einer Operation die Rede, ist fast immer der mikrochirurgische Eingriff gemeint. Er gehört zu den minimal-invasiven und risikoarmen Operationen, und wird heute standardmäßig durchgeführt. Die meisten Studien, die den Erfolg einer Operation bei Bandscheibenvorfällen belegen, beziehen sich auf dieses Verfahren.

Übersicht der operativen Therapien bei Bandscheibenvorfällen

Mikrochirurgischer Eingriff

Gehört heute zum Standard, gilt als minimal-invasiver Eingriff und wird als risikoarm beschrieben. Der Zugang geschieht über einen kleinen Hautschnitt von zwei bis drei Zentimeter oder über ein Röhrchen, das bis zur Wirbelsäule einführt werden kann. Operiert wird dann mit Hilfe eines Mikroskops. Der Bandscheibenvorfall liegt unter den Nervensträngen, die von einer Hülle, der Dura Mater, umgeben sind. In ein bis zwei Prozent der Eingriffe, wird diese Hülle verletzt und Nervenflüssigkeit tritt aus. Das kann beim Patienten über mehrere Tage zu Schwindelgefühlen führen. Wie bei allen herkömmlichen Operationen kann es auch bei diesem Eingriff zu Komplikationen wie Entzündungen kommen, können Nerven und Gefäße beschädigt werden. Die Operation geschieht unter Vollnarkose und dauert zwischen 45 bis 60 Minuten.

Endoskopisches Verfahren:

Wird seltener angewandt. Eignet sich bei leichten Vorfällen und Patienten, die noch nicht an der Bandscheibe operiert wurden. Über ein dünnes Röhrchen mit einem Endoskop wird die Bandscheibe ganz oder teilweise abgetragen.

Versteifung der Wirbelsäule

Eine operative Versteifung der Wirbelsäule wird vor allem bei Infektionen, nach Traumata oder Tumoren diskutiert. Bei degenerativen Beschwerden ist die Methode eher selten angezeigt, nur bei schweren Bandscheibenvorfällen mit chronischen Schmerzen oder bei Instabilität eines Abschnittes nach einer bereits operierten Bandscheibe wird die Versteifung in Betracht gezogen.

Künstliche Bandscheibe

Die künstliche Bandscheibe wird nur selten und meistens bei schweren Vorfällen und chronischen Schmerzen an der Halswirbelsäule eingesetzt. Das Implantat aus Titan ersetzt dabei die spröde Bandscheibe. Sie kommt vorwiegend bei jüngeren Patienten in Frage. Der statistische Unterschied ergibt sich erst nach mehreren Jahren. Bei der Lendenwirbelsäule gibt es so gut wie keine Indikation.

Qualifizierte Kliniken finden

Die Liste der von der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft zertifizierten Einrichtungen finden Sie unter www.dwg.org/zertifizierung.

 

Studien:

Leiden – The Hague Spine Intervention Prognostic Study Group “Spine Patient Outcome Research Trial”