Den Ursachen der Kurzsichtigkeit auf der Spur

Kneifen Sie auch oft Ihre Augen zusammen und blinzeln, um in der Ferne noch etwas erkennen zu können? Damit sind Sie nicht allein. Vor allem vielen jüngeren Menschen geht es heute so: In Europa liegt die Quote der Kurzsichtigen zwischen 25 und 29 Jahren bei 47 Prozent. In höheren Altersgruppen sinkt der Anteil, bei den 65- bis 69-Jährigen weisen nur noch 16 Prozent eine Kurzsichtigkeit auf. Mit genetischen Ursachen lässt sich dieses Phänomen jedoch nicht erklären.[1]

Stattdessen sind es unsere veränderten Lebensumstände, die zu einem dramatischen Anstieg des Anteils der Kurzsichtigen in der Bevölkerung führen. Immer mehr Tätigkeiten in unserem Alltag fordern das Auge im Nahbereich, das fängt schon morgens mit dem ersten Blick auf das Smartphone an. In die Ferne fokussieren wir dagegen immer seltener, worauf sich die Augen mit der Zeit einstellen. Lesen Sie hier, wie es zu einer Kurzsichtigkeit kommt und welche Möglichkeiten es für den Umgang mit der verbreiteten Sehschwäche gibt.

Symptome: Wie äußert sich die Kurzsichtigkeit?

Kurzsichtigkeit, in der Medizin auch als Myopie bezeichnet, erschwert Ihnen das Sehen in die Ferne. Während Sie also Objekte im Nahbereich problemlos erkennen können, erscheinen entfernte Gegenstände verschwommen. Im Alltag entstehen den Betroffenen dadurch verschiedene Beschwerden und sie erleben Symptome, die oft nicht direkt auf eine Kurzsichtigkeit zurückgeführt werden. Kommen Ihnen die folgenden Situationen bekannt vor?

  • Je weiter sich Dinge von Ihrem Auge entfernt befinden, desto unschärfer erscheinen sie.
  • Sie erkennen Personen erst spät an Ihrem Gesicht, das rechtzeitige Grüßen fällt schwer.
  • Das Lesen von projizierten Informationen bei der Arbeit oder in der Schule strengt Sie an.
  • Tätigkeiten, die Konzentration erfordern (wie Auto fahren), rufen Kopfschmerzen hervor.
  • Sie erkennen Bäume, jedoch nicht deren einzelne Äste und Blätter.
  • Lichtquellen erscheinen Ihnen besonders unscharf.

Wenn solche Beschwerden Ihren Alltag einschränken, sollten Sie vor einem Besuch beim Augenarzt nicht zurückschrecken. Die Untersuchung  dauert nur wenige Minuten, ist nicht unangenehm und hilft vor allem, ernsthafte Erkrankungen Ihres Sehapparates auszuschließen.

Kurzsichtigkeit: Den Ursachen auf den Grund gehen

Bei einer Kurzsichtigkeit liegt der Brennpunkt, also der Punkt, in dem alle einfallenden Lichtstrahlen im Auge gebündelt werden, vor der Netzhaut – Gegenstände erscheinen deshalb unscharf. Den Brechungsfehler eines Kurzsichtigen gegenüber einem Normalsichtigen zeigt die Grafik.

Weiter entfernte Gegenstände werden dadurch nicht sauber auf der Netzhaut abgebildet – sie erscheinen verschwommen. Dafür kann es zwei Gründe geben: Entweder ist Ihr Augapfel zu lang oder die Brechkraft des Systems aus Hornhaut, Glaskörper und Linse ist zu hoch. Der Arzt spricht daher von Achsenmyopie und Brechungsmyopie. Es können auch beide Formen gleichzeitig auftreten.

Die Rolle unserer Lebensgewohnheiten

Als Auslöser für die Myopie werden neben genetischen Vorbelastungen zunehmend veränderte Lebensgewohnheiten, die ein vermehrtes Nahsehen bedingen, diskutiert. Denn unser Alltag fordert das Auge im Nahbereich immer öfter, man denke nur einmal an die nah am Auge stattfindende Nutzung des Smartphones oder Computers. Gleichzeitig fokussieren wir seltener in die Ferne. In der Folge stellen sich die Augen insgesamt auf ein verstärktes Nahsehen ein, indem sich der Augapfel verlängert.

Forscher haben 2014 im Rahmen der Gutenberg-Gesundheitsstudie[2] einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und dem Bildungsstand gefunden. Bei Abiturienten liegt der Anteil der Kurzsichtigen bei 50,9 Prozent, während Personen, die die Schule nach dem zehnten Jahr verlassen, nur zu 26,6 Prozent kurzsichtig sind. Demnach ist der Einfluss der Schul- und Berufsausbildung auf die Ausprägung einer Kurzsichtigkeit viel größer als alle bekannten genetischen Veranlagungen. Denn eine längere Ausbildung bedeutet auch mehr Lesen und somit erneut verstärktes Nahsehen.[3] Zudem ist auch das Licht ausschlaggebend: Denn eine längere Ausbildung bedeutet meist auch mehr Aufenthalt in geschlossenen Räumen. Dabei leiden die Augen unter den oftmals schlechten Lichtverhältnissen: Es fehlt das natürliche und helle Tageslicht, das vor allem für Kinder einen schützenden Effekt hat und einer Kurzsichtigkeit entgegenwirken kann.[4]  Verschiedene Studien konnten diese Wirkung des Lichts auf die Myopie bereits nachweisen. Mitunter wird ein Zusammenhang mit dopamingesteuerten Prozessen vermutet, da helles Licht eine Ausschüttung von Dopamin begünstigt (s. auch Kapitel „Was tun gegen die Ursachen der Kurzsichtigkeit?”).[5]

Zu Besuch beim Augenarzt

Wenn Sie im Alltag Sehbeschwerden haben oder die beschriebenen typischen Symptome bei sich feststellen, kann ein Augenarzt bestimmen, ob Sie tatsächlich kurzsichtig sind und welche Korrektur Sie benötigen. Dazu führt er zunächst die Routineprüfung Ihres Sehvermögens durch: Er testet die Nahseh- und Fernsehschärfe (Nah- und Fernvisus) für beide Augen separat, um einen ersten Hinweis auf eine etwaige Fehlsichtigkeit zu erhalten. In der Regel werden dazu Sehtesttafeln verwendet. Darauf sind zum Beispiel Buchstaben in verschiedenen Größen abgebildet, die Sie aus einer bestimmten Entfernung lesen müssen. Ihr Augenarzt entscheidet mit Hilfe der Buchstabengröße, die Sie fehlerfrei erkennen können, ob Sie eine Sehhilfe benötigen.

Danach kommt es zur genauen Beurteilung der benötigten Sehstärke. Zuerst erfolgt die objektive Bestimmung der Kurzsichtigkeit mit einem Refraktometer (Messeinrichtung zur Brillenglasbestimmung). Hierbei müssen Sie gar nichts tun – es handelt sich um einen vollautomatisierten Computersehtest. Von den Ergebnissen ausgehend, geht es um Ihre persönliche Wahrnehmung, also um die subjektive Bestimmung Ihrer Werte. Ihren optimalen Sehkomfort können schließlich nur Sie selbst einschätzen. Dabei stellt der Augenarzt Kontrollfragen, um Missverständnisse und Widersprüche auszuschließen. Das Endergebnis ist die Korrekturstärke, die Ihnen optimale Sehschärfe und besten Komfort gewährleistet. Beachten Sie jedoch, dass die Ergebnisse des Sehtests auch von weiteren Faktoren abhängen. So spielen beispielsweise die Tageszeit, die Beleuchtung und Ihre Tagesform eine Rolle für das Ergebnis.

Tipp

Einen Sehtest können Sie auch in jedem Brillengeschäft machen. In einigen Fällen bietet sich zusätzlich ein Termin beim Augenarzt an, wenn eine Kurzsichtigkeit erkannt wurde. Der Arzt kann mögliche Erkrankungen oder Veränderungen am Auge ausschließen und die Korrekturwerte nochmals bestätigen. Fragen Sie Ihren Optiker um Rat, er wird Ihnen das weitere Vorgehen erklären.

Wann besondere Vorsicht geboten ist

Bei starker Kurzsichtigkeit sollten Sie in regelmäßigen Abständen Ihren Augenarzt aufsuchen. Denn während die einfache Myopie meist zwischen zehn und zwölf Jahren beginnt und in der Regel ab dem 25. Lebensjahr nicht weiter fortschreitet, ist die sogenannte maligne (hohe) Myopie etwas kritischer. Ursache der malignen Myopie ist, dass der Augapfel übermäßig in die Länge wächst. Dabei können Schäden an der Netzhaut und der Aderhaut entstehen. Beide Gewebe werden in der Folge dünner. Im weiteren Verlauf ist es möglich, dass sich Einblutungen und Narben bilden, die die Sehschwäche noch verstärken. Darüber hinaus besteht bei den Betroffenen ein erhöhtes Risiko für eine Netzhautablösung, die im schlimmsten Fall zum Erblinden führen kann. Generell steigt das Erkrankungsrisiko ab einer Kurzsichtigkeit von 6 Dioptrien erheblich an. Auch der Grüne und Graue Star treten bei den Betroffenen häufiger auf. Wenn Sie dazu mehr wissen möchten: Details vermitteln unsere Beiträge sowohl zum Grauen Star als auch zum Grünen Star.

Haben Sie Kinder, die kurzsichtig sind, sollten Sie die Werte stets im Blick behalten. Ein gutes Sehvermögen ist sehr wichtig für die Entwicklung Ihres Nachwuchses. Hier lohnen sich vorbeugende Maßnahmen, um eine Kurzsichtigkeit von Anfang an zu vermeiden. Denn je früher eine Kurzsichtigkeit beginnt, desto höher sind meist auch die Werte, die im Laufe der Entwicklung erreicht werden.

Was tun gegen die Ursachen der Kurzsichtigkeit?

Die gute Nachricht: Sie können der Entstehung einer Kurzsichtigkeit effektiv entgegenwirken. Das ist allerdings am wirkungsvollsten, wenn es bereits in der Kindheit und Jugend geschieht. Nutzen Sie diese Chance und wirken Sie bei Ihren Kindern bereits früh darauf hin, sodass sich eine Kurzsichtigkeit gar nicht oder nur schwach ausbildet. Denn neben erblichen Faktoren spielt der hohe Anteil an Naharbeit eine sehr wichtige Rolle für die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit. Das Sehen in die Ferne muss daher wieder einen gesteigerten Anteil in unseren Gewohnheiten einnehmen. Studien zeigen, dass vor allem der Aufenthalt im Freien den Augen guttut.[6] Je häufiger und länger sich Ihre Kinder draußen aufhalten, desto seltener entwickeln sie eine Kurzsichtigkeit. Denn durch das helle Licht setzt die Netzhaut das Glückshormon Dopamin frei, das nicht nur für Wohlbefinden sorgt, sondern auch die Augen profitieren davon. Dopamin verhindert, dass der Augapfel in die Länge wächst und setzt damit direkt an der Ursache der Kurzsichtigkeit an.

Sich selbst können Sie etwas Gutes tun, indem Sie bei der Computerarbeit regelmäßig Pausen einlegen und auf eine gute, nicht zu trockene Luft sowie ausreichende Beleuchtung achten. Mit einem kurzen Augentraining können Sie sich zudem eine kleine Auszeit gönnen und gezielt Ihre Augen entspannen. Die wichtigsten Informationen zu dem Thema und einen kleinen Trainingsplan haben wir Ihnen in unserem Artikel „Augentraining gegen Kurzsichtigkeit“ zusammengestellt.

Die schlechte Nachricht: Eine bereits bestehende Kurzsichtigkeit kann durch diese und andere Methoden nicht geheilt werden. Die fehlende Sehschärfe lässt sich lediglich ausgleichen. Umso mehr gilt hier das Motto: Vorsorge ist besser als Nachsorge.

 

Quellennachweise

  1. K. Williams et al, Prevalence of refractive error in Europe: the European Eye
    Epidemiology (E3) Consortium, abrufbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4385146/pdf/10654_2015_Article_10.pdf.
  2. Pressemitteilung Universität Mainz, Kurzsichtigkeit nimmt mit höherer Bildung und längerer Schulzeit zu.
    Wissenschaftliche Studie der Universitätsmedizin Mainz belegt Zusammenhang zwischen Bildung und Kurzsichtigkeit, 2014, http://www.uni-mainz.de/presse/61304.php.
  3. A. Mirshahi et al, Myopia and level of education: results from the Gutenberg Health Study, in: Ophthalmology, Oktober 2014, Vol. 121(10), https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24947658.
  4. L. Jones et al, Parental History of Myopia, Sports and Outdoor Activities, and Future Myopia, in: Investigative Ophthalmology & Visual Science, August 2007, Vol. 48, http://iovs.arvojournals.org/article.aspx?articleid=2183997.
  5. F. Schaeffel, Myopie-Update 2011, http://www.eye-tuebingen.de/fileadmin/user_upload/labs/schaeffel/docs/overview_articles/schaeffel-klimo_2011.pdf.
  6. Pharmazeutische Zeitung, Kurzsichtigkeit: Mit Spielen im Freien vorbeugen, https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=57666.