Hilfe, mein Kind pubertiert!

Obercool, trotzig, übellaunig: Kinder in der Pubertät sind häufig kaum zu ertragen. Dabei können sie eigentlich gar nichts dafür. Denn das Gehirn wird für ein paar Jahre zur Großbaustelle, Körper und Geist spielen verrückt.

 

Von Christian Parth

Gefühlschaos, Ärger mit den Eltern oder in der Schule, und ein Körper, der irgendwie aus den Fugen gerät: Die Pubertät, so viel ist sicher, verwandelt Leib und Seele in Großbaustellen. In keiner anderen Lebensphase verändert sich ein Mensch so schnell wie in der Pubertät. Wie kommt es dazu, was genau passiert im Gehirn und wie sollten Eltern reagieren? Die renommierte Kölner Erziehungsberaterin Elisabeth Raffauf gibt Antworten.

Baustelle Gehirn

Auf dem Weg zum Erwachsenen müssen Körper und Geist der Kinder und Jugendlichen einiges aushalten. Alles wächst, wird größer, die Geschlechtsmerkmale bilden sich aus, Hormone brechen wie Flutwellen herein. Aufgrund der veränderten Umwelteinflüsse hat sich der Beginn der Pubertät nach vorne verschoben“, sagt Psychologin Elisabeth Raffauf. „Vor etwa 35 Jahren ging es im Schnitt mit elf oder zwölf Jahren los, heute startet der Prozess schon oft im Alter von neun oder zehn Jahren. Die von Eltern gefürchtete Metamorphose beginnt auch im Kopf. Das Gehirn macht sich daran, radikal umzubauen. Es sortiert sich neu, wird leistungsfähiger und schneller. „Viele Verbindungen werden gekappt und neu verknüpft“, sagt Raffauf, die schon mehrere Bücher zu Erziehung und Pubertät veröffentlicht hat. „Dabei entwickelt sich das Gehirn von hinten nach vorne.“ Wenig genutzte Nervenverbindungen werden aufgelöst, zentrale Verbindungen dagegen zu regelrechten „Daten-Autobahnen“ ausgebaut.

Bauchentscheidung statt Vernunft

Die größte Baustelle befindet sich ziemlich genau hinter der Stirnplatte. Hier sitzt der sogenannte Präfrontalcortex, die Heimat der vernünftigen Entscheidungen, des Abwägens, der Impulskontrolle und der Fähigkeit, langfristig zu planen. Dieser Stirnlappen reift während der Pubertät als letzte Hirnregion. Damit es in der Umbauphase keinen Totalausfall gibt, übernimmt ein anderer Bereich des Gehirns: Die Amygdala, auch Mandelkern genannt. Es ist jedoch genau diese Umleitung, die den Pubertierenden zeitweise zu einem unberechenbaren Wesen werden lässt. „Der Mandelkern ist für das Irrationale zuständig, für die Bauchentscheidungen, für das Wider-besseren-Wissens-Handelns“, erklärt Raffauf. Das führt in den meisten Fällen dazu, dass man das eigene Kind in seinem Verhalten plötzlich nicht mehr wiedererkennt. Mal sitzen die Heranwachsenden lustlos in ihrem Zimmer, mal rasten sie schon bei der Frage aus, wie es in der Schule war.

Jagd nach dem „Kick“

Und doch nimmt das Gehirn der Jugendlichen Gefühle anders wahr wie noch als Kind. „Jugendliche werden zu Grenzgängern, sie wollen ‚Gucken was geht‘ und Gefühlshöhepunkte herauskitzeln“. Der Drang, mehr Risiken einzugehen und die Lust auf neue „Kicks“ nimmt zu. „Die Jugendlichen suchen in dieser Zeit nach extremen Erfahrungen und werden auch anfällig für Alkohol und Drogen“, sagt Raffauf. Der Grund dafür liegt im Nucleus accumbens, wo auch die Dopaminrezeptoren installiert sind. Dopamin ist ein Botenstoff, der Glücksgefühle auslöst. Bei Jugendlichen sind diese Rezeptoren im Vergleich zu Erwachsenen jedoch noch etwas kleiner. Somit braucht es einfach größere Reize, um entsprechend mehr Dopamin durch den Körper zu jagen.

Gestörter Schlafrythmus

Aber auch das Gegenteil kann eintreten. „Viele Jugendliche ziehen sich in der Pubertät zurück, wirken oft traurig und antriebslos“, sagt Raffauf. Ein Verstärker der Übellaunigkeit kann dabei auch der sich verändernde Schlafrhythmus sein. Denn Jugendliche bleiben abends gerne lange wach und stehen morgens ungern früh auf. Die Verschiebung der Einschlafzeiten beginnt im Alter zwischen neun und elf Jahren. Der durch das Schlafhormon Melatonin getaktete Rhythmus verschiebt sich immer weiter in die Nacht hinein, haben Forscher vom Rush University Medical Center in Chicago festgestellt. Sie haben das Schlafverhalten und die Tagesrhythmen von Neun- bis Fünfzehnjährigen mehrere Jahre lang beobachtet und ausgewertet. Die verkürzte Schlafdauer führt dazu, dass das Melatonin während der Nacht nicht komplett abgebaut werden kann. Die Folgen sind chronische Müdigkeit und damit schlechte Laune und Lustlosigkeit. Auch die Anfälligkeit für Depressionen steigt.

Wer bin ich eigentlich?

Ein zentraler Punkt beim Umbau des Gehirns ist die Entwicklung des Selbstbewusstseins. Neue Fragen tauchen auf: Wer bin ich eigentlich und was genau will ich in diesem Leben? „Bis zur Pubertät gehen die Kinder den Weg der Eltern“, schildert Raffauf. „Dieser Weg wird in Frage gestellt – und das ist richtig so, die Suche nach dem eigenen beginnt.“ Eine wichtige Rolle in dieser Phase spielt das Bindungshormon Oxytocin. Einer Studie des US-Psychologen Laurence Steinberg zufolge sorgt es während der Pubertät für die Ausbildung der Identität und Selbstwahrnehmung. Die Jugendlichen wollen von ihrem Umfeld respektiert und als möglichst cool wahrgenommen werden. Gerade für die Eltern eine harte Zeit. Denn nichts ist dann uncooler, als das, was Mama oder Papa machen.

Was können Eltern tun?

Eltern müssen lernen, ihren Kindern zu vertrauen. Vielen Vätern und Müttern falle das schwer. „Wenn wir glauben, wir verlieren unsere Kinder, dann neigen manche Eltern zur Kontrolle“, sagt Raffauf. Früher seien Tagebücher gelesen worden, heute der Browserverlauf am Computer oder die Chats auf dem Smartphone. Dabei sollten Eltern trotz aller Zweifel und auch in schwierigen Phasen die Persönlichkeit des Kindes stärken und sagen: ‚Du wirst Deinen Weg schon gehen. Auch wenn er vielleicht im Zickzack verläuft.‘ In der Pubertät suchen Kinder ihre Rolle im Leben, aber auch die Eltern müssen ihre Aufgaben anpassen. Ein SOS-Leitfaden:

  1. Den Machtkampf vermeiden:

Wenn Kinder aufbegehren, die Autorität der Eltern lautstark infrage stellen und mitunter sogar beleidigend werden, sollte man nicht mit denselben Mitteln zurückschlagen, rät Psychologin Raffauf. „Wer mit Feindseligkeit reagiert, erzeugt nur neue Feindseligkeit. Das kann schnell in eine Spirale führen.“ Es sei wichtig, sich nicht persönlich gekränkt zu fühlen, sondern ruhig und souverän zu bleiben und Respekt einzufordern. „Gerade wenn das Kind beleidigend wird, muss man ihm sagen: ‚Ich habe Dich lieb, aber hier ist eine Grenze, die du nicht überschreiten darfst“.

  1. Nicht zu nachgiebig werden:

Manche Eltern neigen dazu, im Konflikt klein beizugeben, womöglich auch, um weiteren Stress und noch mehr Streitereien zu vermeiden. „Konflikte wegzulächeln, ist ein gefährlicher Weg“, warnt Raffauf. „Nachgiebigkeit erzeugt erhöhte Forderungen. Kinder aber brauchen Regeln und einen klar abgesteckten Rahmen. Gerade in der Pubertät ist Orientierung wichtig.“

  1. Nicht pendeln:

Mal streng, mal nachgiebig – auch das sollten Eltern vermeiden, sagt Raffauf. Die eigene Linie sollte klar, konsequent und berechenbar sein.

  1. Die drei roten V:

Vorwürfe, Vorträge, Verhöre. „Du sitzt schon wieder viel zu lange vor dem Computer“, ist vermutlich einer der meistgesagten Sätze in deutschen Kinderzimmern. Raffauf warnt: „Vorwürfe bringen nichts. Ebenso wenig lange Vorträge, in denen Eltern immer wieder dieselben Sätze wiederholen.“ Eine kurze und klare Ansage genüge, sagt die Erziehungsexpertin. Auch die Kinder etwa nach der Schule auszuquetschen, um an Informationen zu kommen, sei eine wenig erfolgsversprechende Vorgehensweise. „Viele Eltern begeben sich in eine Art Kommissar-Rolle. Doch gerade in der Pubertät machen Kinder dann eher dicht, statt zu berichten.“ Eltern können sich selbst fragen: Was habe ich im Sinn, wenn ich mit meinem Kind rede? Echtes Interesse zeigt sich vielleicht an einer Frage wie: „Wie war es in der Pause?“ Oder an dem Angebot: „Sollen wir Eis essen gehen und nicht über Schule oder Computer reden?“

  1. Die drei grünen V:

Vorbild, Verstehen, Vertrauen. Die Eltern sollten als gutes Beispiel vorangehen. Ein Dauerbrenner ist etwa das Thema Smartphone-Nutzung. „Viele Eltern ermahnen ihre Kinder, nicht so viel Zeit am Handy zu verbringen, sind aber selbst andauernd mit dem Gerät beschäftigt“, sagt Raffauf. Ihr Rat: „Das eigene Smartphone–Verhalten kritisch hinterfragen und mit gutem Vorbild vorangehen.“ Genauso wichtig sei es, die eigenen Kinder zu verstehen. Eltern sollten versuchen, sich an die eigene Pubertät zu erinnern und sich Fragen zu stellen wie: ‚Wann habe ich meine Eltern eigentlich zum ersten Mal belogen und warum?‘ Auch wenn es manchmal den Erziehungsberechtigten nicht passe, aber die meisten Jugendlichen hätten eigene Prioritäten. „Der Freundeskreis und die Anerkennung sind wichtiger als die Mitarbeit im Haushalt oder eine gute Note im Vokabeltest.“

Zur Person:

Elisabeth Raffauf, 52 Jahre, ist Diplom-Psychologin. Seit 20 Jahren berät die Kölnerin Eltern in Erziehungsfragen und begleitet Väter und Mütter durch schwierige Phasen. Raffauf hat bereits zahlreiche Bücher zum Thema Erziehung und Pubertät veröffentlicht. Zuletzt erschien im Patmos-Verlag der Titel „Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen“.

Quellen:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2396566/

https://www.rushu.rush.edu/adolescent-sleep-delay-circadian-regulation-and-phase-shifting-light

http://www.elisabethraffauf.de/