Die ersten Lebensstunden sind die wichtigsten

Interview von Christina Rinkl

Prof. Dr. Thorsten Orlikowsky über Sauerstoffmangel bei Neugeborenen (Asphyxie), die Errungenschaften der Pränataldiagnostik und die Zukunft der Neonatologie. Prof. Dr. Thorsten Orlikowsky ist Leiter der Sektion Neonatologie (Neugeborenenmedizin) und Pädiatrische Intensivmedizin an der Universitätsklinik Aachen

Herr Prof. Dr. Orlikowsky, die Geburtshilfe in Deutschland gilt als eine der besten der Welt. Warum gibt es dennoch auch bei uns das Risiko, dass Neugeborene einen Sauerstoffmangel, eine Asphyxie, erleiden?

Dieses Risiko ist tatsächlich immer da und kommt auch in hochtechnisierten Ländern wie Deutschland vor. Es gibt verschiedene Grade der Asphyxie, manche Formen sind leichter, andere schwerer. Gefährlich kann es werden, wenn im Notfall keine Neonatologie in der Geburtsklinik ist.

Wie oft tritt solch ein Fall von Sauerstoffmangel auf?

Es gibt kein offizielles Asphyxie-Register. Ich gehe davon aus, dass eine von 500 bis 1000 Geburten betroffen ist. Wichtig ist, dass die Säuglinge dann schnell entsprechend versorgt werden. Wir behandeln die Neugeborenen mit Hypothermie, mit einer kühlenden Matratze, die für eine kontrollierte, künstliche Unterkühlung des Stoffwechsels sorgt. So werden die Körperfunktionen beim Baby reduziert und entzündliche Reaktionen auf den Sauerstoffmangel, vor allem im Gehirn, eingedämmt. Dasselbe Prinzip wird bei Bergsteigern angewandt, die in eine Gletscherspalte gefallen sind.

 

„Eine gute Lebensführung und Schwangerschaftsvorsorge sind der beste Schutz“

 

Oft lässt sich der genaue Grund für den Sauerstoffmangel im Nachhinein nicht mehr herausfinden. Warum ist das so?

Die Gründe sind vielfältig. Eine Asphyxie tritt entweder vor, während oder nach der Geburt auf. Im Mutterleib liegt es oft an einer Mangelversorgung. Die Plazenta ist zum Beispiel zu klein oder verkalkt. Rauchen stellt hier ein großes Risiko dar. Schlimm ist es, wenn sich die Plazenta vorzeitig abgelöst hat, da das Kind unmittelbar danach ohne jegliche Versorgung ist. Unter der Geburt kann es zu einem Sauerstoffmangel kommen, wenn das Baby im Geburtskanal feststeckt oder Probleme mit der Nabelschnur auftreten. Nach der Geburt kann es passieren, dass das Baby die Atmung einstellt. Eventuell aufgrund von Fehlbildungen, die wir Ärzte im Mutterleib nicht sehen konnten.

Was können Eltern tun, damit es nicht so weit kommt?

Eine gesunde Schwangerschaftsvorsorge betreiben und zu allen geplanten Terminen gehen. Außerdem auf eine gute Lebensführung achten. Schwangere sollten weder rauchen noch Alkohol konsumieren.

Eines von 435 Babys stirbt in Deutschland statistisch gesehen im ersten Lebensmonat. Was tut Ihre Klinik in Aachen, um die Säuglingssterblichkeit immer weiter zu senken?

Wir überwachen Mütter mit einer Risikoschwangerschaft sehr engmaschig. Solche Schwangerschaften bestehen unter anderem, wenn Mütter Vorerkrankungen haben wie etwa Diabetes, wenn sie älter als 35 Jahre oder schwer übergewichtig sind. Dann planen wir diese Geburten sehr sorgfältig. Unser Vorteil ist, dass unser Kreissaal eng an die Intensivstation angebunden ist. Im Notfall können wir sehr schnell helfen.

Und Sie setzen auf neue Techniken wie das Neugeborenen-Trainingsmodell. Die Puppe Anne wird in Kürze in Ihrer Klinik eingesetzt.

Genau, denn Asphyxien und andere Notfälle kommen häufig unvorhergesehen. Es gab vorher keine oder nur wenige Anzeichen, wie einen auffälligen Wehenschreiber oder grünes Fruchtwasser. Letzteres ist ein Zeichen von kindlichem Stress. In solchen Fällen gibt es keine Alternative zum Notkaiserschnitt – und der muss dann sehr schnell erfolgen. In diesen Situationen müssen wir im Team perfekt zusammenarbeiten. Dabei hilft uns auf der Station das Training mit Anne.

Anne sieht aus wie ein 25 Wochen altes Baby und hat High Tech im Bauch. Wie läuft das Training mit ihr ab?

Mit dieser Puppe proben wir den Ernstfall im Team. In unserem Klinikalltag ist es so, dass aufgrund der Schichten immer wieder neue interdisziplinäre Teams aus Hebammen, Kinderärzten und Neonatologen zusammenarbeiten. Es ist eine Herausforderung, im Ernstfall schnellstmöglich die richtigen Dinge zu tun: Den Säugling wiederzubeleben, seinen Kreislauf zu stabilisieren und auf der Intensivstation mit der Hypothermiebehandlung zu beginnen. Entscheidend ist die Frage: Wer macht wie wo was? Die Puppe wechselt ihre Farbe wie es bei einer Asphyxie typisch ist, sie lässt sich wiederbeleben und einen Tubus einführen. Später erhält jeder Beteiligte ein Feedback. Mit diesem Trainingsmodell können wir auch Teams von anderen Kliniken schulen. Denn nicht jede Klinik hat eine Neonatologie vor Ort.

 

„Werdende Eltern haben heute ganze andere Erwartungen an die Medizin als noch vor einigen Jahren“

 

Im Alltag auf Ihrer Station behandeln Sie täglich Frühgeborene. In der Uniklinik der RWTH Aachen werden bei insgesamt über 1.500 Geburten jedes Jahr zirka 80 Babys mit einem Gewicht unter anderthalb Kilogramm geboren, manche von ihnen wiegen noch nicht einmal 500 Gramm. Wie hat sich Ihre Arbeit über die Jahre verändert?

Unsere Gesellschaft hat sich ja insgesamt sehr gewandelt. Wir leben in einer digitalen Leistungsgesellschaft und das hat auch Auswirkungen auf die Neonatologie. Werdende Eltern haben heute ganz andere Erwartungen an die Medizin als noch vor einigen Jahren. Viele erwarten, dass heute alles planbar, machbar und reparierbar ist. Auch bezogen auf ihr Kind. Doch leider ist das nicht möglich, auch wenn wir alles daransetzen. Die umfassende Pränataldiagnostik ist in meinen Augen ein riesiger Fortschritt für die Gesundheit von Mutter und Kind. Man kann sehr früh sehr viel erkennen. Doch das kann auch potenzielle Nachteile haben.

An welche denken Sie genau?

Immer mehr Mütter tendieren heute zu Wunschkaiserschnitten. Wenn keine medizinische Indikation gegeben ist, sehe ich das kritisch. Und manche Eltern denken, alles sei reparierbar. Ihnen ist vor allem wichtig, dass es im Kreissaal gemütlich aussieht, dass es eine Badewanne gibt und dass der Vater bei der Geburt dabei ist. Ausschlaggebend ist aber, dass ein Kinderarzt da ist, wenn er gebraucht wird. „Der kann ja dann schnell kommen“, denken sich manche Eltern. Der Anspruch an die Medizin ist stark gestiegen. Doch das Leben wird immer ein Risiko bleiben. Und wir Ärzte können nicht alles reparieren.

Vor allem nicht nach einem erlittenen Sauerstoffmangel.

Für die Eltern ist es dramatisch, wenn ihr Kind Folgeschäden erleidet. Asphyxie-Kinder haben heute zwar viel bessere Überlebenschancen als noch vor 40 Jahren. Doch das Problem ist, dass durch den Sauerstoffmangel viele Organe nicht mehr richtig durchblutet worden sind. Manches erholt sich wieder, doch was in der Regel bleibt, sind die Schäden im Gehirn.

Durch die moderne bildgebende Medizin erfahren Eltern heute auch von Risiken und Diagnosen, auf die vor 20 Jahren noch niemand gekommen wäre.

Dieses Thema ist brandaktuell und wird auch schon länger gesellschaftlich diskutiert. Denn die Schattenseite der umfassenden Pränataldiagnostik ist, dass diese Fülle an Informationen manchen Eltern auch Angst machen kann. Eltern haben sich inzwischen auch verändert. In meinem Klinikalltag treffe ich häufig auf informierte und selbstbestimmte Mütter und Väter. Doch oft können sie mit den erhaltenen Informationen nicht so viel anfangen. Wenn ich etwa mitteilen muss, es gibt den Hinweis, aber noch nicht den Nachweis auf eine Störung beim Fötus, dann verängstigt das natürlich auch.

 

„Eltern spüren oft einen gesellschaftlichen Druck, gewisse Untersuchungen durchführen zu lassen“

 

Die Pränataldiagnostik ist also nicht nur Segen, sondern auch Fluch?

Es gibt ganz viele Vorteile der Diagnostik. Kinder können heute beispielsweise schon im Mutterleib mit Medikamenten versorgt werden. Und wenn wir sehen, dass das Kind einen Herzfehler hat, dann sollte es in einer Klinik mit der höchsten Versorgungsstufe zur Welt kommen. Die Ultraschall-Diagnostik ist heute sehr genau, auch in Bezug auf Fehlbildungen. Und die ersten Stunden im Leben sind fundamental wichtig für ein Baby. Wir beobachten bisweilen schon einen gesellschaftlichen Druck, gewisse Untersuchungen durchführen zu lassen. Eltern haben aber gleichzeitig auch ein Recht auf ein „Nichtwissen“, wenn sie sich dafür entscheiden. Doch sie sollten sich bewusst sein: Nur ein kleiner Teil von Behinderungen ist später kurativ behandelbar.

Das bedeutet, nach einer Diagnose in der Schwangerschaft können sich Eltern meist nur gegen das Kind entscheiden. Nicht gegen die Krankheit des Kindes.

Ein beträchtlicher Anteil tut dies; andererseits sehen wir auch Mütter, die sich bewusst für die Austragung eines Kindes, etwa mit Downsyndrom entscheiden. Und wir Ärzte sprechen immer nur von Wahrscheinlichkeiten. Heute zum Beispiel habe ich mit einer werdenden Mutter gesprochen. Das Kind hat einen Balkenmangel, es gibt also Hinweise, dass die Verbindung vom rechten zum linken Balken im Gehirn gestört ist. Natürlich fragt mich dann die Mutter, was das bedeutet. Und ich als Arzt muss aufklären, bin aber gleichzeitig in einem Dilemma. Es kann sein, dass Sie davon nach der Geburt nichts merken und dass das Kind gesund ist. Es kann aber auch sein, dass das Kind schwer behindert ist. Was die genauen neurologischen Folgen im Einzelfall sind, wissen auch wir Ärzte oft nicht.

„In den kommenden Jahren werden Eltern vor der Geburt noch detaillierte Informationen über ihr Kind bekommen können“

 

Und das, obwohl die Forschung heute schon so weit ist. Was waren die Meilensteine in der Neonatologie, und was erhoffen Sie sich für die nächsten Jahre?

Einer der größten Fortschritte ist die Behandlung mit Surfactant beim Atemnnotsydrom von Neugeborenen. Das ist eine Substanz, die die Lunge geschmeidig macht, vereinfacht gesagt. Ebenso die inzwischen wenig invasive Erstversorgung, die Behandlungen mit Hypothermie und die Leitlinien, die sicherstellen, dass Risikogeburten in Kliniken mit der höchsten Versorgungsstufe behandelt werden. Außerdem ist das wissenschaftliche Denken systematischer geworden: Es macht nicht jeder, was er will, sondern die Handlungsempfehlungen werden aus großen kontrollierten Studien abgeleitet, an denen viele Neonatologien teilnehmen. In den kommenden Jahren werden Eltern vor der Geburt noch detailliertere Informationen über ihr Kind bekommen können, zum Beispiel über mögliche Erbkrankheiten. Ich hoffe, dass wir es in Zukunft schaffen, Entzündungsreaktionen von Neugeborenen so kontrollieren zu können, dass unbeteiligte Organe nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen werden.

Eine herausfordernde Arbeit, die Sie, Ihre Kollegen und Mitarbeiter täglich leisten.

Ja, denn Neu- und Frühgeborene sind am verletzlichsten. Gleichzeitig sind ihre Selbstheilungskräfte einfach unglaublich. Ein Menschenleben auf den richtigen Weg zu bringen, so dass dieses Kind noch ein gutes Leben vor sich hat, das ist etwas sehr Schönes. Ich betrachte es als großes Privileg, dass ich an dieser „ersten Tür ins Leben“ arbeiten darf. Dafür trainieren meine Kollegen und ich regelmäßig,

denn wir sind bei unserer Arbeit sowohl kognitiv als auch manuell gefordert. Das ist insgesamt eine wirklich tolle Sache.

Übrigens:

Mehr Informationen zur Asphyxie können Sie in unserem Artikel „Wenn der Sauerstoff nicht reicht – Asphyxie und Säuglingssterblichkeit“ nachlesen.

Eine Information in eigener Sache:

Die Spende der Envivas für die Asphyxie-Forschung der Neugeborenen-Initiative an der RWTH Aachen ist inspiriert von The Human Safety Net, der globalen Bewegung der Generali zur Unterstützung benachteiligter Menschen. Als Teil der Generali Gruppe möchte die Envivas die Aktivitäten von The Human Safety Net im Bereich „Neugeborene“ unterstützen. Mehr Informationen über das Engagement von The Human Safety Net für Neugeborene finden Sie unter: https://www.thehumansafetynet.org/de/programs/for-newborns