Wenn der Sauerstoff nicht reicht – Asphyxie und Säuglingssterblichkeit

Anlässlich ihres 15-jährigen Jubiläums spendet die Envivas für Asphyxie-Forschung

Von Christina Rinkl

Kurze Nächte, volle Windeln, ein neuer turbulenter Alltag mit Baby: Darauf hatten sich Sophie und ihr Mann eingestellt. Sie hatten sich riesig auf ihr erstes Kind gefreut. Und beiden war klar, dass in ihrem neuen Leben mit Kind vieles anders sein würde.

„Doch dass der Tag der Geburt unseres Sohnes alles komplett auf den Kopf stellen würde, so dass wir beide nicht mehr wussten, wo oben und unten ist und wir uns wochenlang im luftleeren Raum befanden, darauf konnte uns niemand vorbereiten“, schreibt Sophie auf ihrem Blog sophiesanderswelt.wordpress.com. Monatelang verbrachten die Eltern in der Klinik, immer in der Sorge, dass ihr neugeborener Sohn es vielleicht nicht schaffen würde. Wochenlang bangten sie um das Leben ihres Kindes.

Der Grund: Ihr Sohn hatte bei der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten. Wie es dazu kam, konnten die Ärzte nicht genau sagen. Es ist einfach passiert.

Schwer behindert und dazu noch chronisch krank

Felix (Name geändert) ist heute vier Jahre alt. Er ist ein chronisch krankes und schwer behindertes Kind. Er kann nicht laufen und sitzen und wird wahrscheinlich auch nie sprechen können. Dazu kommen weitere Folgeerkrankungen. „Am meisten haben wir zu kämpfen mit seiner chronischen Niereninsuffizienz und Zerebralparese, der Bewegungsstörung durch die frühkindliche Hirnschädigung“, so seine Mutter. Beide Diagnosen führen zu Erkrankungen wie Bluthochdruck, Epilepsie, Hüftproblemen, Entwicklungsverzögerungen, Schlafschwierigkeiten, Schluckstörungen und Schrei-Attacken. Der Sauerstoffmangel hat das Leben von Felix für immer verändert. Und das seiner Familie gleich mit. Am Anfang machten die Ärzte den Eltern wenig Hoffnung. Doch die gaben ihren Sohn nie auf, sondern kämpfen bis heute dafür, dass es Felix gut geht. So gut es eben möglich ist, nach einer erlittenen Asphyxie.

Was bedeutet Asphyxie?

Der Begriff beschreibt einen Sauerstoffmangel bei Neugeborenen, der vor, während oder nach der Geburt entstehen kann. Asphyxie stammt von dem griechischen Wort „asphyktos“, was so viel bedeutet wie „ohne Puls“. Die Asphyxie kann beim Baby zu schwerwiegenden Schäden an vielen Organen führen. Zusätzlich werden in dieser Notsituation im Körper des Babys bestimmte Hormone und Entzündungsmediatoren ausgeschüttet, die in der Folge dazu führen, dass das Gewebe und die Organe stark angegriffen werden. Ein Kind, das unter der Geburt einen schweren Sauerstoffmangel hatte, wird unter Umständen sein Leben lang mit körperlichen und geistigen Entwicklungsverzögerungen leben müssen.

Ärzte wie Prof. Dr. Thorsten Orlikowsky von der Universitätsklinik der RWTH Aachen setzen alles daran, dass es während der Geburt nicht zum Ernstfall kommt. Der Leiter der Sektion Neonatologie und Intensivmedizin erklärt, dass betroffene Neugeborene mit Hypothermie behandelt werden. Eine kühlende Matratze sorge für eine kontrollierte, künstliche Unterkühlung des Stoffwechsels. So werden die Körperfunktionen beim Baby reduziert. Übertragene Babys, die länger als 42 Wochen im Bauch der Mutter waren, sowie Frühgeborene sind besonders gefährdet. Letztere haben ein zwanzigfach erhöhtes Risiko, einen Sauerstoffmangel zu erleiden.

Genau deshalb setzt sich die Uniklinik der RWTH für neue innovative Lösungen in der Neonatologie ein. Momentan wird in Aachen ein neues Frühgeborenen-Trainingsmodell eingerichtet. In der Klinik werden bei insgesamt über 1.500 Geburten jedes Jahr 80 Babys mit einem Gewicht unter anderthalb Kilogramm geboren, manche von ihnen wiegen noch nicht einmal 500 Gramm. Ärzte, Hebammen und Pflegefachkräfte geben alles, um in ihrer Arbeit immer noch besser zu werden. Dabei unterstützen kann sie künftig die High-Tech-Puppe Anne: Sie sieht aus wie ein Baby im Alter von 25 Wochen. Im Bauch der Puppe ist modernste Technik verbaut. Mit der Puppe können die Geburtshelfer und Kinderkrankenpfleger ihr Handeln in Teamarbeit trainieren und immer weiter verbessern.

Denn das erklärte Ziel der Uniklinik ist, dass sich Frühgeborene nach ihrer Entlassung in ihrer Entwicklung nicht von normal geborenen Kindern unterscheiden. „Eine Asphyxie tritt oft unvorhergesehen auf. Im Ernstfall müssen Hebammen, Kinderärzte und Neonatologen dann äußerst schnell und Hand in Hand arbeiten. Das Trainingsmodell hilft den interdisziplinären Teams, die Abläufe optimal zu simulieren und zu üben“, erklärt Prof. Dr. Thorsten Orlikowsky.

Spendenaktion für die Stiftung Universitätsmedizin Aachen

Da das Frühgeborenen-Trainingsmodell mehrere tausend Euro kostet, ist die Uniklinik RWTH Aachen auf Spenden angewiesen. Da kommt ein großes Jubiläum gerade recht, denn seit 15 Jahren kooperieren Envivas und die Techniker Krankenkasse. Dieses Jubiläum ist der Anlass für eine ganz besondere Aktion. Die Envivas unterstützt die Stiftung Universitätsmedizin Aachen mit einer Spende.

Das Geld kommt dem Trainingsmodell und der Neugeborenen-Initiative der RWTH Aachen zu Gute. Diese beschäftigt sich mit der Grundlagenforschung der Asphyxie bei Neugeborenen – damit in Zukunft immer weniger Babys unter einem schwerwiegenden Sauerstoffmangel vor, während und nach der Geburt leiden müssen.

Wie kann es überhaupt zum Sauerstoffmangel kommen?

Eine mögliche Ursache ist eine nicht ausreichend durchblutete Plazenta während der Zeit im Mutterleib. Auch Komplikationen mit der Nabelschnur oder Infektionen vor der Geburt können der Grund sein. Wenn die Mutter Diabetes hat oder stark trinkt oder raucht, ist das Risiko ebenfalls erhöht. Tritt die Asphyxie nach der Geburt auf, wird das in den meisten Fällen von Ärzten mit einer Unreife der Lunge begründet. Auch Krankheitserreger, Infekte, angeborene Herzfehler, Hirnblutungen oder Verletzungen, die durch die Geburt entstanden sind, können der Auslöser für den Sauerstoffmangel sein. Wie im Fall von Felix ist die genaue Ursache meist unklar.

Was sind die Folgen für das Kind?

Durch die unzureichende Versorgung mit Sauerstoff drosselt das Neugeborene seine Atmung – oder setzt diese komplett aus. Zusätzlich werden in dieser Notsituation im Körper des Babys bestimmte Hormone und Entzündungsmediatoren ausgeschüttet, die in der Folge dazu führen, dass das Gewebe und die Organe stark angegriffen werden. Der Säugling ringt nach Atem und seine Haut verfärbt sich blau oder im Extremfall sogar weiß. Eine schwere Asphyxie ist lebensbedrohlich. Doch auch wenn die Sauerstoffversorgung von den Ärzten nach kurzer Zeit wieder hergestellt werden kann, wurden meist bereits viele Organe im Babykörper geschädigt. In der Regel werden durch den Sauerstoffmangel die Lunge und das Nervengewebe beeinträchtigt, sowie das Herz und die Nieren. Ein Kind, das unter der Geburt einen schweren Sauerstoffmangel hatte, wird unter Umständen sein Leben lang mit körperlichen und geistigen Entwicklungsverzögerungen leben müssen.

Wie hoch ist die Säuglingssterblichkeit in Deutschland?

Auch wenn die Standards in unserer medizinischen Versorgung mittlerweile zu den besten der Welt gehören und auch die deutsche Geburtshilfe als sehr gut und fortschrittlich gilt: Auch in Deutschland sterben leider immer noch Neugeborene. Laut dem Unicef-Report von 2018 verstirbt in unserem Land einer von 435 Säuglingen innerhalb seines ersten Lebensmonats. In den ärmsten Ländern der Welt sieht die Situation ungleich dramatischer aus. Die schlechtesten Überlebenschancen haben Babys in Pakistan, in Zentralafrika und in Afghanistan, dort stirbt statistisch gesehen einer von 22 Säuglingen. Die Säuglingssterblichkeit ist global gesehen ein großes Problem, denn weltweit überleben jährlich 2,6 Millionen Babys ihren ersten Lebensmonat nicht. Japan gilt als das Land mit der höchsten Überlebenschance. Dort stirbt im ersten Monat nur eines von 1.111 Babys. Deutschland landet im weltweiten Ranking lediglich auf Platz 12. Woran liegt das? Experten begründen es unter anderem damit, dass es hier viele kleine Geburtskliniken gibt, weil wir sehr stark auf die wohnortnahe Versorgung setzen. Auch wenn die meisten dieser Kliniken sehr gute Arbeit in der Geburtshilfe leisten: In großen Krankenhäusern und Universitätskliniken ist die Versorgung im Notfall in der Regel besser und umfassender.

Eine Familie findet ihren Weg

Sophie, die Mutter des vierjährigen Felix, schreibt auf ihrer Internetseite: „All die Fragen und Probleme, mit denen wir seit den ersten Stunden nach der Geburt unseres Sohnes konfrontiert sind, die wünsche ich keiner Mutter und keinem Vater.“ Die lange Zeit im Krankenhaus, die immer wieder neuen Diagnosen. Und vor allem die nie endenden Sorgen um ihren Sohn. Auch wenn die Familie inzwischen Zuwachs durch eine gesunde Tochter bekommen hat: „An manchen Tagen schmerzt es uns noch heute, gleichaltrige Kinder zu sehen, die unbekümmert umher springen und nach ihren Eltern rufen, während unser Liebling stumm in seinem Reha-Buggy sitzt und den im Wind wehenden Ästen zusieht.“

Doch inzwischen hat die Familie ihren eigenen Weg gefunden. Sophie und ihr Mann versuchen, ihr Familienleben nicht komplett von Felix‘ Behinderung beherrschen zu lassen. Sie fokussieren sich auf die schönen Momente. Denn die gibt es in ihrer Familie auch. Es sind vor allem die Momente, in denen Felix entspannt ist. Und keine Schmerzen hat.

Laut Prof. Dr. Orlikowsky haben sich die Einstellungen von werdenden Eltern und ihre Erwartungen an die Medizin verändert. Die Medizin soll alles „reparieren“ können. Aber das geht – leider – nach wie vor nicht.

Nichtsdestotrotz betrachtet der Professor die umfassende Pränataldiagnostik als riesigen Fortschritt für die Gesundheit von Mutter und Kind. In den kommenden Jahren werden Eltern vor der Geburt noch detailliertere Infos über ihr Kind bekommen können, zum Beispiel über mögliche Erbkrankheiten. Und die Forschung geht immer weiter.

Wenn Sie weiterführende Informationen zur Arbeit von Prof. Dr. Orlikowsky und zum Thema „Asphyxie“ haben möchten, dann lesen Sie unser Interview mit Prof. Dr. Orlikowsky „Die ersten Lebensstunden sind die wichtigsten“.

Eine Information in eigener Sache:

Die Spende der Envivas für die Asphyxie-Forschung der Neugeborenen-Initiative an der RWTH Aachen ist inspiriert von The Human Safety Net, der globalen Bewegung der Generali zur Unterstützung benachteiligter Menschen. Als Teil der Generali Gruppe möchte die Envivas die Aktivitäten von The Human Safety Net im Bereich „Neugeborene“ unterstützen. Mehr Informationen über das Engagement von The Human Safety Net für Neugeborene finden Sie unter: https://www.thehumansafetynet.org/de/programs/for-newborns