Verletzliches Wunderwerk Hand: Wenn der Karpaltunnel drückt

Karpaltunnelsyndrom-Darstellung-Handverletzungen

von Anke Brodmerkel

Handverletzungen wie das Karpaltunnelsyndrom, eine Sehnenscheidenentzündung, der Skidaumen oder die Rhizarthrose sind nicht selten. Die Hand kann ganz viel, ist durch ihre feingliedrige Gestalt aber auch besonders verletzlich. Wir erklären in diesem Artikel die Funktionsweise der Hand, die häufigsten Verletzungen und geben Tipps zu Therapien.

Kein anderes Körperteil ist so komplex aufgebaut und in seinen Funktionen so vielfältig wie die menschliche Hand. Sie kann fest zupacken, schwere Gewichte heben, aber auch filigranste Arbeiten verrichten und sanft streicheln. Die menschliche Hand ist ein Meisterwerk der Evolution. Tag für Tag dient sie uns als geniales Werkzeug, mit dem sich sowohl feinste als auch grobe und kraftraubende Aufgaben vornehmen lassen. Gleichzeitig ist die Hand ein hochempfindliches Sinnesorgan, über das sich jeder Gegenstand präzise erfühlen lässt. Kein anderes Körperteil hilft uns so schnell und geschickt, alle Anforderungen des täglichen Lebens zu meistern. Wie wichtig die Hände sind, um gut durch den Alltag zu kommen, merkt man spätestens dann, wenn mal eine von ihnen – oder auch nur ein Teil der Hand – aufgrund einer Verletzung ausfällt.

Jeder einzelne Handgriff erfordert das perfekte Zusammenspiel der 27 Knochen und 28 Gelenke, aus denen eine Hand besteht. Sie werden über zahlreiche Bänder, Sehnen und Muskeln zusammengehalten und pro Tag im Schnitt zwischen 10.000 und 20.000 Mal bewegt. Zum Vergleich: Insgesamt besitzt der menschliche Körper nur rund 210 Knochen – das heißt, mehr als die Hälfte von ihnen befinden sich in den Händen und Füßen. „Die Hände haben den kompliziertesten Bauplan von allen beweglichen Gliedmaßen“, sagt der Handchirurg Dr. med. Philipp Holschneider, leitender Arzt im nordrhein-westfälischen Josephs-Hospital Warendorf.

Am wichtigsten ist der Daumen

Entscheidend für fast alle Handgriffe ist der Daumen, der dabei hilft, jede noch so kleinste Arbeit präzise zu verrichten. Auch in diesem Punkt hebt sich der Mensch von nahezu allen anderen Säugetieren ab. Denn nur Primaten sind in der Lage, auch das zweite Daumenglied zu beugen. Zudem lässt sich der menschliche Daumen jedem anderen Finger gegenüberstellen. Diese sogenannte Opponierbarkeit wird durch das Zusammenspiel verschiedener Muskeln, die den Daumen umgeben, und eine besondere Gelenkstellung ermöglicht. Nur dank unseres speziell gestalteten Daumens können wir Gegenstände exakt ergreifen und sie gezielt bewegen.

Die anderen vier Finger hingegen sind zwar ähnlich wie der Daumen mit einer Vielzahl von Sehnen ausgestattet, besitzen selbst aber – mit Ausnahme des kleinen Fingers – keine Muskeln. Dirigiert werden sie von den Muskeln des Unterarmes: Deren Kontraktion bewirkt, dass sich Zeige-, Mittel- und Ringfinger beugen und strecken.

Die Hand ist empfindlich für Berührungen

Zum Sinnesorgan wird die Hand zum einen durch Tausende von Nervenzellen, die auf jeder Fingerkuppe und in der Handfläche enden. Neben diesen freien Nervenenden besitzt eine Hand zudem rund 17.000 Fühlkörperchen, die ihr eine große Sensibilität verleihen und sie auch selbst für Berührungen sehr empfindlich machen. Die wichtigsten Fühlkörperchen sind die nach ihrem deutschen Entdecker Georg Meissner benannten Meissner-Tastkörperchen. Auf einer Fingerkuppe sitzen etwa 140 dieser Gebilde, mit deren Hilfe feinste Oberflächenstrukturen erfasst werden können – und die uns das sprichwörtliche Fingerspitzengefühl verleihen.

Verarbeitet werden die sensorischen Informationen der Hand in einem eigenen Abschnitt der Großhirnrinde, der über lange Nervenfasern permanent Signale mit den Nerven- und Muskelzellen der Hand austauscht. Ihm gegenüber liegt ein ebenso großer Bereich für die motorische Steuerung des Hochleistungsorgans. „Diese beiden Areale nehmen im Gehirn mehr Platz ein als beispielsweise die für ein ganzes Bein“, sagt Holschneider. Auch das unterstreiche den neuroanatomischen Stellenwert der Hand.

Schützendes Gewebe fehlt

Einen kleinen Schönheitsfehler hat das Wunderwerk allerdings. „Das weitgehende Fehlen von schützendem Muskel-, Binde- und Fettgewebe und die große Zahl der Gelenke machen die menschliche Hand relativ anfällig für Verletzungen und Verschleißerscheinungen – zumal sie als einziges Körperteil eigentlich permanent im Einsatz ist“, sagt Holschneider. Eine häufige Verletzung, auf die der Handchirurg bei seinen Patienten insbesondere in den Wintermonaten trifft, ist der sogenannte Skidaumen.

Skidaumen

Häufige Verletzung im Ski-Urlaub – der Skidaumen

Der Skidaumen

Es handelt sich dabei um den Riss des inneren Seitenbands am Daumengrundgelenk. „Meist reißt das Band, wenn die Hand bei einem Sturz in der Schlaufe des Skistocks hängenbleibt“, sagt Holschneider. Viele Patienten ziehen sich die Verletzung aber auch bei einer Ballsportart oder beim Turnen zu. Bemerkbar macht sie sich durch eine Instabilität des Gelenks, die meist mit Schmerzen, Schwellungen und einem Bluterguss einhergeht.

Ein Skidaumen wird häufig operiert

Bestätigt wird die Diagnose des Skidaumens per Ultraschall oder im MRT. Auch ein Röntgenbild kann sinnvoll sein, um zu überprüfen, ob ein Teil des Knochens mit ausgerissen ist. „In diesem Fall muss ein Skidaumen eigentlich immer operiert werden“, sagt Holschneider. Die OP erfolgt meist ambulant unter Narkose. Insbesondere bei einem Teilriss des Bandes kann ein Skidaumen aber auch konservativ behandelt werden. Er wird dann lediglich für einige Wochen in einer Gipsschiene oder Daumenorthese ruhiggestellt.

Ist das Band vollständig, aber ohne Beteiligung des Knochens gerissen, müssen Arzt und Patient gemeinsam entscheiden, was zu tun ist. „Die sicherere Behandlungsoption ist auch hier die OP“, sagt Holschneider. „Mit einer Operation liegt die Heilungsrate des Skidaumens bei nahezu hundert Prozent.“ Rund sechs Wochen nach dem Unfall kann der Daumen meist wieder normal benutzt werden, auch wenn größere Belastungen in der ersten Zeit möglichst noch gemieden werden sollten.

Das Karpaltunnelsyndrom – beginnt mit Kribbeln in den Fingern

Kribbelnde Finger durch ein Karpaltunnelsyndrom

Eine Verschleißerscheinung der Hand, die noch häufiger vorkommt, ist das Karpaltunnelsyndrom. Der Karpaltunnel ist ein Kanal aus starkem Bindegewebe, der im Bereich der Handwurzel an der Innenseite des Handgelenks verläuft. In ihm liegen Sehnen und ein wichtiger Nerv, der Nervus medianus oder Mittelnerv, über den die Beweglichkeit und die Sensibilität von Teilen der Hand gesteuert werden. Schwillt das Gewebe des Karpaltunnels zum Beispiel durch Über- oder Fehlbelastung oder auch anlagebedingt an, kann der Nerv unter Druck geraten.

Oft fangen die Finger – mit Ausnahme des kleinen Fingers, der nicht vom Nervus medianus angesteuert wird – dann an zu kribbeln. Oder sie fühlen sich taub an. Ein erstes, typisches Anzeichen für ein Karpaltunnelsyndrom ist es, wenn nachts eine Hand einschläft. Zuweilen schmerzen die Finger oder die ganze Hand auch, wobei die Beschwerden bis in den Arm ausstrahlen können. Bei einem schwerwiegenden Karpaltunnelsyndrom bildet sich zudem der Muskel des Daumenballens zurück, da er von dem Nerv nicht mehr ausreichend versorgt wird.

Vielfach hilft das Tragen einer Schiene

„Um ein Karpaltunnelsyndrom zu behandeln, wird in der Regel zunächst eine Schiene eingesetzt, die bewirkt, dass die Hand gerade gehalten wird“, sagt Holschneider. Gehen die Beschwerden dadurch nicht weg oder werden zu stark, ist eine Operation manchmal unumgänglich, um bleibende Schäden des Mittelnervs zu verhindern. „Um festzustellen, ob eine OP erforderlich ist, ist es meist ratsam, die Expertise eines Neurologen hinzuziehen“, sagt Holschneider.

Bei dem Eingriff, der ambulant und unter örtlicher Betäubung oder Kurznarkose vorgenommen wird, durchtrennt der Handchirurg das sogenannte Karpalband, das quer über die Handwurzelknochen verläuft. Dadurch wird der Nervus medianus entlastet. Nach dieser OP sollte die Hand nicht ruhiggestellt, sondern nur drei bis vier Wochen lang geschont werden.

Die Rhizarthrose wird auch Daumensattelgelenksarthrose genannt

Eine Arthrose der Hand tritt oft nicht erst im Alter auf 

Die häufigste Form der Arthrose der Hand ist die Rhizarthrose, auch Daumensattelgelenksarthrose genannt. Das Daumensattelgelenk, das sich an der Basis des Daumens in der Nähe des Handgelenks befindet, ermöglicht unter anderem den Pinzettengriff. Mithilfe dieses Gelenks gelingt es, den Daumen auch aus der Handebene herauszuschieben. „Die besondere Gestalt und Funktion des Daumensattelgelenks machen es aber leider anfällig für Verschleißerscheinungen“, sagt Holschneider.

Eine Rhizarthrose, die gerade bei Frauen aufgrund deren im Vergleich zu Männern weicheren Bänder schon im Alter von 40 Jahren auftreten kann, macht sich – durch den für eine Arthrose typischen Verlust der Knorpelschicht – in der Regel zunächst durch Schmerzen im Gelenk bemerkbar. In der Folge kann es zu Kraftverlusten und noch später auch zu Einschränkungen der Beweglichkeit kommen.

Im schlimmsten Fall muss das Gelenk ersetzt werden

„Zu Beginn der Beschwerden kann eine Schiene oder im Idealfall eine thermoplastisch angepasste Orthese helfen, mit denen das Gelenk ruhiggestellt wird“, sagt Holschneider. Eventuelle Entzündungen lassen sich mit Kortison behandeln. Gegen chronische Entzündungen helfen oft Bestrahlungen. Sind die Beschwerden jedoch sehr stark und gehen bereits mit Kraftverlust einher, gilt eine Operation als Goldstandard der Therapie.

Hier gibt es eine Vielzahl verschiedener Techniken. „Welche von ihnen angewandt wird, muss im Einzelfall entschieden werden“, sagt Holschneider. Bei der klassischen OP wird aus dem Gelenk das große Vieleckbein teilweise oder vollständig entfernt. In den entstehenden Hohlraum setzt der Handchirurg im Anschluss oft noch ein Stück einer Sehne aus der Umgebung ein, zum Beispiel einen Teil der Daumenabspreizsehne.

Eine weitere OP-Technik ist die Arthrodese, bei der das Daumensattelgelenk versteift wird. Das hilft gegen die Schmerzen, macht den Daumen aber auch weniger beweglich. Bei einer ausgeprägten Rhizarthrose besteht zudem die Möglichkeit, ein künstliches Gelenk einzusetzen. All diese Eingriffe erfolgen in der Regel stationär, das heißt, der Patient muss ein paar Tage lang im Krankenhaus bleiben. Im Anschluss wird das Gelenk für vier bis sechs Wochen ruhiggestellt. Insgesamt dauert der Heilungsprozess bis zu zwölf Wochen. Dann allerdings kann die Hand in den meisten Fällen wieder wie gewohnt benutzt werden – und ihrem Besitzer flink und geschickt durch den Alltag helfen.

Sehnenscheidenentzuendung-der-Hand

Bei der Sehnenscheidenentzündung schwillt die entzündete Sehnenscheide an und wird enger – ein Teufelskreis

Die Sehnenscheidenentzündung – und wenn sie chronisch wird

Sehnenscheiden bestehen aus Bindegewebe und umhüllen stark beanspruchte Abschnitte der Sehnen wie ein Schutzmantel. Sie sind mit einer Flüssigkeit, der Gelenkschmiere, gefüllt, so dass die Sehnen weitgehend reibungsfrei durch sie hindurchgleiten können. Wird eine Sehne zu stark beansprucht, kann sie an der Sehnenscheide reiben. Diese kann sich dann entzünden. Die Sehnenscheide schwillt an und wird enger. Dadurch wird die Reibung der Sehne noch verstärkt. Ein Teufelskreis. Schmerzen, insbesondere bei Bewegung, und eine Einschränkung der Beweglichkeit, etwa beim Öffnen und Schließen der Faust, können die Folge sein. Solch eine Sehnenscheidenentzündung kann einmalig auftreten. Sie kann aber auch chronisch werden. Eine der häufigsten Verschleißerscheinungen der Hand ist die chronische Sehnenscheidenentzündung.

Sehnenscheidenentzündungen heilen oft von allein aus

Sehnenscheidenentzündungen, etwa am Daumen oder am Handgelenk, heilen meist von allein aus. Wichtig ist, die betroffene Stelle so gut wie möglich zu schonen. Spezielle Schienen oder Gipsverbände können helfen, indem sie den Daumen oder das Handgelenk ruhig halten. Oft sind zudem eine Physiotherapie, die zum Beispiel Dehnübungen und Massagen umfasst, sowie entzündungshemmende Schmerzmittel empfehlenswert. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, können auch Kortison-Spritzen eingesetzt werden.

„Nur in chronischen Fällen ist bei einer Sehnenscheidenentzündung eine Operation erforderlich“, sagt Holschneider. Bei dem Eingriff, der ambulant und meist unter einer kurzen Narkose erfolgt, entfernt der Handchirurg einengendes Gewebe oder schneidet es ein, damit die Sehne anschließend wieder mehr Platz hat, um sich zu bewegen. Drei bis vier Wochen lang sollte die Hand anschließend noch etwas geschont, aber keinesfalls ruhiggestellt werden.

Sonderphänomen „Schnappfinger“

An den Sehnen, mit denen die Finger gebeugt werden, kann es zudem zum charakteristischen „Schnappfinger“ kommen, der sich nach dem Krümmen nur schwer wieder durchstrecken lässt. „Normalerweise werden die Sehnen an der Fingerunterseite von Ringbändern in ihrer Position gehalten“, erklärt Holschneider. „Bei einem Schnappfinger können die Sehnen, die Sehnenscheiden oder auch die Ringbänder selbst durch die Entzündung verdickt sein, so dass die Sehne nicht mehr frei durch das Band hindurchgleiten kann.“ Die Streckung erfolgt dann nur noch ruckartig, wobei der Finger in seine ursprüngliche Position zurückschnappt. Schnappfinger sind relativ häufig: Zwei bis drei von hundert Menschen erkranken mindestens einmal in ihrem Leben daran, Frauen öfter als Männer.

„Konservativ lässt sich ein Schnappfinger vielfach mit speziellen Dehnungsübungen behandeln“, sagt Holschneider. Tritt das Phänomen allerdings immer wieder auf oder ist es mit starken Schmerzen verbunden, kann das Ringband auch operativ durchtrennt werden, was in der Regel ambulant und nur unter örtlicher Betäubung erfolgt.

Handchirurg-Dr-Philipp-Holschneider

Handchirurg Dr. med. Philipp Holschneider, leitender Arzt im Josephs-Hospital Warendorf

Übersichtstabelle Beeinträchtigungen der Hand:

Verletzung/ Verschleißerscheinung

Behandlung

Skidaumen (ein Riss des inneren Seitenbands am Daumengrundgelenk)

Bei einem Teilriss des Bandes: konservativ (der Daumen wird für ein paar Wochen mit einer Gipsschiene oder Daumenorthese ruhiggestellt)

Bei einem vollständigen Riss des Bandes: konservativ oder chirurgisch

Bei einem knöchernen Ausriss: chirurgisch (danach muss der Daumen noch etwa sechs Wochen lang geschont werden)

Chronische Sehnenscheidenentzündung und/oder Schnappfinger

In der Regel: konservativ (durch Schonung, spezielle Physiotherapie und entzündungshemmende Schmerzmittel)

Nur in schweren und langwierigen Fällen: chirurgisch (Gewebe, das die Sehnen behindert, wird dabei entfernt)

Karpaltunnelsyndrom

Zunächst: konservativ (durch das Tagen einer Schiene)

Bei anhaltenden Beschwerden: chirurgisch (dabei wird das Karpalband durchtrennt)

Daumensattelgelenksarthrose (Rhizarthrose)

Bei leichten Beschwerden: konservativ (das Gelenk wird für ein paar Wochen mit einer Gipsschiene oder Daumenorthese ruhiggestellt)

Bei Entzündungen: zusätzlich Kortison und/oder Bestrahlung

Bei starken Beschwerden und Kraftverlust: chirurgisch (dabei kommen unterschiedliche Verfahren zur Anwendung)