Der Gesundheits-Check im Teenageralter: die Vorsorgeuntersuchung J1

Wussten Sie, dass die Vorsorgeuntersuchung J1 von weniger als einem Drittel der Jugendlichen in Deutschland in Anspruch genommen wird? Eine Zahl, die sich seit der Einführung der Untersuchung 1998 kaum verändert hat – dabei übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung sogar die Kosten für die Vorsorge.[1]  Und die Jugendgesundheitsuntersuchung lohnt sich: Eine Auswertung der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts zeigt, dass lediglich 30 Prozent aller J1-Untersuchungen ohne therapierelevante Befunde bleiben.[2] Kein Wunder, denn zu Beginn der Pubertät verändert sich der Körper stark. Besonders Krankheiten wie Skoliosen (Wirbelsäulenverkrümmung) und Schilddrüsenerkrankungen können mit der J1 frühzeitig erkannt und behandelt werden.[3]

Die J1-Untersuchung findet zwischen dem zwölften und vierzehnten Lebensjahr statt. Damit haben Sie die Möglichkeit, Ihr Kind nach einer etwas längeren Pause noch einmal rundum untersuchen zu lassen und an das Vorsorgeprogramm der U-Untersuchungen anzuschließen. Wenn Ihr Kind möchte, kann es den Untersuchungstermin sogar alleine wahrnehmen. Denn neben der körperlichen Untersuchung und einem Impfstatus-Check nimmt sich der behandelnde Arzt viel Zeit, um auch persönliche Fragen Ihres Kindes zu beantworten.

Anamnese: Das ist wichtig!

Vielleicht kennt Ihr Kind das noch von den letzten U-Untersuchungen: Als Erstes müssen die wichtigsten Fragen bezüglich seiner Gesundheit geklärt werden. Der Arzt erkundigt sich nach dem aktuellen Gesundheitszustand des Jugendlichen und kontrolliert den Impfpass, um zu sehen, ob dieser dem Alter entsprechend vollständig ist. Mögliche Impfempfehlungen werden im Rahmen einer Beratung am Ende der Untersuchung ausgesprochen. Bei Mädchen geht es zudem um die erste Regelblutung und eventuelle Probleme damit. Alle Daten werden nach wie vor in das gelbe Kinderuntersuchungsheft eingetragen.

Ist diese Datenaufnahme vollständig, bekommt Ihr Kind in der Regel den Mannheimer Elternfragebogen (MEF) ausgehändigt. Er enthält 59 Fragen zu verschiedensten Themen rund um Ängste, Beziehungen zu Bezugspersonen, das Essverhalten, die Schule und den Umgang mit Suchtmitteln. Hier steht nicht primär die Gesundheit im Vordergrund. Der MEF dient vielmehr als wertvolle Hilfe für eine bessere Einschätzung Ihres heranwachsenden Kindes sowie für die Erstellung einer vollständigen Anamnese. Er liefert vielfältige Informationen. Es gibt den Fragebogen in verschiedenen Ausführungen, manchmal sollen zusätzlich einige Sätze spontan vervollständigt werden. Ein Beispiel finden Sie bei den „Kinderärzten im Netz“[4]. Ist der Bogen ausgefüllt, hat der Jugendliche die Chance, selbst etwas zu erzählen. Wie läuft es zum Beispiel in der Schule? Fühlt Ihr Kind sich dort wohl? Gibt es Probleme innerhalb der Familie oder Streit mit Freunden?

Ermuntern Sie Ihr Kind im Vorhinein, alle seine Fragen zu stellen – besonders in der abschließenden Beratungsphase  ist Zeit für ein ausführliches Gespräch, in dem Jugendliche auch weiterführende Informationen erhalten. Der Arzt kann hier über die Vorsorge hinaus Hilfe zu allen Themen bieten. Wenn Ihr Kind möchte, kann es zur Unterstützung auch einen Freund oder eine Freundin mitnehmen.

Info

Manchmal bittet der Arzt Ihr Kind, sich selbst mithilfe von Bildern einzuschätzen. Diese stellen verschiedene pubertäre Entwicklungsstadien dar. Damit kann der Arzt erkennen, ob Jugendliche Probleme mit dem eigenen Körper haben, die Sie selbst nicht ansprechen wollen.

  

Körperliche Untersuchungen: Ist Ihr Kind rundum gesund?

Genau wie die U-Untersuchungen umfasst auch die J1 eine eingehende Untersuchung von Kopf bis Fuß. So kann garantiert werden, dass Ihr Kind gesund ist. Fehlentwicklungen und Krankheiten können rechtzeitig behandelt werden. Werden Schwierigkeiten bereits in jungen Jahren entdeckt, stehen die Heilungschancen in der Regel besser.

Allgemeiner körperlicher Zustand, Größe und Gewicht

Der Arzt vermisst die Körpergröße und das Gewicht Ihres Kindes. Er stellt fest, ob ein Unter- oder Übergewicht vorliegt. Dies ist sehr wichtig, um bei Bedarf über Themen wie zum Beispiel Magersucht zu sprechen und Jugendlichen dementsprechend Hilfe anzubieten. Er wirft auch einen Blick auf den Hautzustand Ihres Kindes, um eventuelle krankhafte Erscheinungen oder pubertäre Hautunreinheiten festzustellen.

Kopf

Im Rahmen der Vorsorge werden nicht nur Hals und Ohren, sondern auch die Mundhygiene und die Zahnstellung untersucht. Im Bereich des äußeren Halses liegt das Hauptaugenmerk auf der Schilddrüse und einer eventuellen Vergrößerung. Denn die Vorsorgeuntersuchung J1 ist der beste Zeitpunkt, um Schilddrüsenerkrankungen frühzeitig zu erkennen.[5]

Brust- und Bauchorgane

Zunächst werden Herz und Lunge abgehorcht, um Erkrankungen ausschließen zu können. Bei Jungen achtet der Arzt zusätzlich auf die sogenannte Gynäkomastie, eine Brustdrüsenschwellung.[6] Zuletzt tastet er den Bauch ab.

Skelettsystem und Motorik

Die Pubertät ist die Zeit des Wachstumsschubes. Daher wird sich der Arzt besonders auf diesen Bereich konzentrieren und Ihr Kind bei einigen Turnübungen beobachten. Dabei achtet er auf Fehlhaltungen, krankhafte Krümmungen der Wirbelsäule und der Beinachsen sowie Fehlstellungen der Füße. Fein- und Grobmotorik werden dagegen durch das Schriftbild und den Fersengang überprüft.

Pubertätsstadien

Bei der J1 steht auch die altersgerechte Pubertätsentwicklung und damit eine Untersuchung der Genitalien im Vordergrund. Der Arzt beurteilt den Entwicklungsstand der Schambehaarung und bei Jungen zusätzlich den Penis und die Hoden. Der Arzt empfiehlt zudem ein regelmäßiges, selbstständiges Abtasten der Hoden auf Schwellungen und Veränderungen, um Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen.

Beratung: Wie geht es weiter? Gibt es Fragen?

Wichtigster Bestandteil der J1 ist ein offenes, informatives und vertrauensvolles Beratungsgespräch zwischen Jugendlichen und Arzt. Gerade weil Ihr Kind zum ersten Mal alleine – ohne Beisein der Eltern – zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen kann, kann ein vertrauensvolles und intimes Gespräch entstehen. Denn manche Dinge möchten Kinder Ihre Eltern einfach nicht fragen oder sie sind peinlich berührt – bestimmt erinnern Sie sich noch an Ihre eigene Jugend. Der Arzt kann zudem altersspezifisches Wissen und Informationen über Verhütung, Prävention von Geschlechtskrankheiten, Gefahren von Essstörungen oder den Umgang mit Drogen und Nikotin vermitteln. Bei Bedarf gibt er Ihrem Kind weiterführende Informationen und Material zu Beratungsstellen mit. Im Gespräch kann Ihr Kind auch Tipps bezüglich Akne und des Vermeidens der Narbenbildung erhalten.

Impfungen

Der Impfschutz spielt weiterhin eine wichtige Rolle in der Vorsorge und damit für die Gesundheit. Ihr Arzt hat sich bereits zu Beginn der Untersuchung den Impfpass Ihres Kindes angesehen und wird Ihnen sagen, ob er zum jetzigen Zeitpunkt eine Auffrischung des Impfschutzes (z. B. gegen Tetanus, Diphtherie, Kinderlähmung oder Keuchhusten) empfiehlt. Bei Mädchen sollte zudem auf einen ausreichenden Impfschutz gegen Röteln geachtet werden. Außerdem ist die J1 ein guter Zeitpunkt für die HPV-Impfung bei heranwachsenden Frauen. Dabei handelt es sich um eine Impfung gegen die Humanen Papillomaviren, die an der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beteiligt sind. Diese Schutzimpfung sollte im besten Fall in jungen Jahren, vor dem ersten Geschlechtsverkehr, abgeschlossen sein.[7]

Der Impfschutz spielt weiterhin eine wichtige Rolle in der Vorsorge und damit für die Gesundheit.

Info

Gut zu wissen: Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten für alle Impfungen, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss in die Schutzimpfungsrichtlinie[8] aufgenommen wurden. Damit werden in der Regel alle in Deutschland auftretenden Krankheiten abgedeckt. Die Empfehlung des Zeitpunkts für die jeweiligen Schutzimpfungen richtet sich nach dem Impfkalender[9] der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts.

Zusätzlich zur J1: weitere mögliche Untersuchungen

Im Falle von zusätzlichen Untersuchungen, beispielsweise aufgrund einer Fußfehlstellung, werden in Absprache mit Ihnen der konkrete Zeitplan und entsprechende Termine festgelegt. Außerdem wird Ihr Kind über die nächste und letzte Vorsorgeuntersuchung, die J2, und eine mögliche frauenärztliche sowie dermatologische Untersuchung informiert:

  • Frauenärztliche Untersuchung:

Mädchen sollten bei Problemen mit der Regelblutung, Fragen zum Zyklus, Auffälligkeiten der Brust oder dem Wunsch nach Verhütung Kontakt zu einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen aufnehmen. Mit Beginn der Regelblutung kann zudem auch die regelmäßige frauenärztliche Vorsorgeuntersuchung beginnen.

  • Dermatologische Untersuchung:

Bei starken Hautunreinheiten und der Gefahr der Narbenbildung empfiehlt sich der Besuch bei einem Hautarzt. Vor allem, wenn Sie merken, dass Ihr Kind unter seinem Hautbild leidet oder sich deswegen zurückzieht, kann ein Hautarzt weiterhelfen.

Die Vorsorgeuntersuchung J1 auf einen Blick

Die Vorsorgeuntersuchung J1 auf einen Blick

 

Quellennachweise

  1. B. Stier; N. Weissenrieder, Jugendmedizin – Gesundheit und Gesellschaft, Springer Verlag: 2006, S. 132.
  2. B. Hagen; S. Strauch, The J1 Adolescent Health Check-Up: Analysis of Data From the German KiGGS Survey,
    Dtsch. Arztebl. Int. 2011; 108(11): 180-6; DOI: 10.3238/arztebl.2011.0180, abrufbar unter https://www.aerzteblatt.de/archiv/81311/Jugendgesundheitsuntersuchung-J1.
  3. Ebd.
  4. Kinderärzte im Netz, Elternfragebogen, https://www.kinderaerzte-im-netz.de/media/53ec96dc33af614b7300c05c/source/20110313192648_j1-fragebogen.pdf.
  5. Ebd.
  6. B. Stier; N. Weissenrieder, Jugendmedizin – Gesundheit und Gesellschaft, Springer Verlag: 2006, S. 132.
  7. Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut: Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) für Mädchen von 12 bis 17 Jahren – Empfehlung und Begründung, Epidemiologisches Bulletin, 2007/Nr. 12, abrufbar unter https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2007/Ausgabenlinks/12_07.pdf?__blob=publicationFile.
  8. Gemeinsamer Bundesausschuss, Schutzimpfungsrichtlinie, https://www.g-ba.de/downloads/62-492-1397/SI-RL_2016-12-15_iK-2017-05-20.pdf.
  9. Robert Koch-Institut, Impfkalender, https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Impfkalender/Impfkalender_node.html.