Alterssichtigkeit: ein natürlicher Prozess

Im Jahr 2014 trugen 63,5 Prozent der Erwachsenen in Deutschland eine Brille, bei der Generation Ü60 lag der Anteil der Brillenträger sogar bei 92 Prozent[1]. Dass so viele ältere Menschen eine Brille tragen hat nichts mit modischen Vorlieben zu tun, sondern schlicht mit dem Phänomen der Alterssichtigkeit.

Wenig schmeichelhaft, aber durchaus treffend lautet auch der medizinische Fachbegriff für die Alterssichtigkeit: Presbyopie (wörtlich: „altes Auge“). Doch wie genau äußert sich die Alterssichtigkeit? Können wir ihr vorbeugen? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Den wichtigsten Fragen zu Symptomen, Ursachen und Therapie wollen wir in diesem Artikel nachgehen.

Die Ursache für Alterssichtigkeit

Sie kennen es vielleicht: das Phänomen der zu kurzen Arme. Sie wollen einen Zeitungsartikel lesen und stellen fest, dass die Arme länger und länger werden, damit das Bild scharf wird. Die Ursache dafür liegt im natürlichen Alterungsprozess des Sehapparats und der damit einhergehenden Verschiebung des Nahpunkts. Dabei handelt es sich um die minimale Entfernung vom Auge, in der Gegenstände gerade noch scharf abgebildet werden können. Wie die Tabelle zeigt, beginnt dieser Vorgang bereits in unserer Kindheit. Kann ein Siebenjähriger noch Buchstaben auf sieben Zentimeter Entfernung fokussieren, so liegt der Nahpunkt bei einem Vierzigjährigen schon etwa 25 Zentimeter entfernt.

Wie sich Alterssichtigkeit äußert und was zu tun ist

Wenn wir älter werden entfernt sich der Bereich, in dem wir scharf sehen können, immer weiter von unseren Augen. Die allgemein übliche Leseentfernung beträgt etwa 35 Zentimeter. Überschreitet unser Nahpunkt diese Distanz, so wird das Entziffern von Etiketten, Zeitungen oder Büchern zunehmend beschwerlicher. Die Folge: Wir halten den Text immer weiter von uns weg und benötigen besonders helles Licht zum Lesen. Dies geschieht unwillkürlich und schleichend. Oft wird die Alterssichtigkeit erst dann bemerkt, wenn buchstäblich die Arme „zu kurz“ geworden sind, oder wenn unser Umfeld uns auf unsere Körperhaltung beim Lesen aufmerksam macht. Eine unangenehme Begleiterscheinung von Alterssichtigkeit können Kopfschmerzen sein, die über den Tag hinweg zunehmen.

Spätestens bei diesen Anzeichen sollte Sie Ihr Weg zum Augenarzt führen. Dieser kann im Rahmen einer Routineuntersuchung Gewissheit schaffen und die Alterssichtigkeit zuverlässig diagnostizieren.

Die Sehschärfe wird durch Sehproben-Tafeln ermittelt. Das sind Tafeln mit Buchstaben und Zahlen in verschiedenen Größen, die man aus fünf bis sechs Metern Entfernung lesen soll. Mit dem Refraktometer bestimmt der Augenarzt zudem die Brechkraft des Auges und stellt fest, wie gut sich das Auge auf verschiedene Entfernungen einstellen kann. Dieses „Scharfstellen“ durch das Auge wird auch als Akkomodation bezeichnet. Aus der gemessenen Lichtbrechung im Auge ermittelt das Gerät die für eine optimale Sicht nötige Korrekturstärke. Dieser objektiv ermittelte Wert kann durch den Einsatz des sogenannten Phoropters (eine augenoptische Apparatur) um das subjektive Empfinden ergänzt werden, indem der Augenarzt oder Optiker verschieden starke Korrekturgläser vor das Auge legt. Dabei kommen wieder die Sehschärfe-Tafeln zum Einsatz.

Wie kommt es zur Alterssichtigkeit?

Wenn doch alle Menschen von dem natürlichen Alterungsprozess des Auges betroffen sind, der für die Alterssichtigkeit verantwortlich ist, wie kann es dann sein, dass manche Menschen bis ins hohe Alter ohne Sehhilfe zurechtkommen? Diese Frage lässt sich klären, indem wir den dioptrischen Apparat genauer betrachten.

Entscheidend für die optimale Sicht in allen Entfernungen ist die Fähigkeit unserer Augen, die von Objekten im Sichtfeld ausgehenden Lichtstrahlen so zu bündeln, dass sie genau in einem Punkt auf der Netzhaut zusammentreffen. Die dazu notwendige Brechung übernehmen die Komponenten des dioptrischen Apparates.

Der dioptrische Apparat

Je nach Entfernung des Gegenstands, der fokussiert werden soll, variiert die benötigte Brechung. Das Ausmaß, in dem das Auge einfallendes Licht brechen und damit ein scharfes Bild erzeugen kann, wird als Brechkraft bezeichnet und in der Einheit Dioptrie (dpt) gemessen. Die Tabelle[2] zeigt, wie sich die Gesamtbrechkraft des Auges auf die Bestandteile verteilt.

Jedoch kann nur die Linse ihre Brechkraft variieren. Sie ist also für die Einstellung der Sehentfernung zuständig. Im entspannten Zustand ist das System auf die Ferne eingestellt. Wollen Sie dagegen nahe gelegene Objekte fokussieren, so zieht sich der Ziliarmuskel zusammen und die Zonulafasern erschlaffen. Durch die Eigenelastizität der Linse nimmt deren Wölbung zu. Im Ergebnis verstärkt sich die Brechung, und das Auge sieht im Nahbereich scharf. Das Alter macht jedoch auch vor der Augenlinse nicht halt, wodurch deren Brechkraft zunehmend eingeschränkt wird.

Alterung der Linse

Gleich zwei Effekte sind es, die die Arbeit der Linse erschweren. Bei der Geburt ist die Augenlinse sehr elastisch, doch mit zunehmendem Alter verdichtet sich das Gewebe, die Linse wird härter und dicker. Durch diesen Verlust an Elastizität kann sich die Linse nicht mehr so flexibel wölben. Der zweite Effekt: Auch der Ziliarmuskel verliert an Kraft. Da das Auge im entspannten Zustand auf Fernsicht eingestellt ist, bleibt diese uneingeschränkt erhalten. Die von nahen Objekten reflektierten Lichtstrahlen kann das Auge dagegen nicht mehr in dem Maße auf der Netzhaut bündeln, wie es für scharfes Sehen notwendig wäre. Im Ergebnis rückt der Bereich, den das Auge scharf stellen kann, weiter in die Ferne.

Wer ist von Alterssichtigkeit betroffen?

Auch wenn man es manchen Menschen deutlicher ansieht als anderen: Wir alle altern und sind dementsprechend früher oder später von Alterssichtigkeit betroffen. Sie ist daher – anders als Kurz- und Weitsichtigkeit – der Definition nach auch keine Fehlsichtigkeit. Bei weitsichtigen und kurzsichtigen Menschen liegt ein Brechungsfehler im Auge vor, der beispielsweise durch die Form des Augapfels verursacht sein kann. Die Lichtstrahlen werden dabei entweder schon vor der Netzhaut gebündelt oder erst dahinter. Das Ergebnis ist jeweils eine unscharfe Abbildung auf der Netzhaut.

Doch nicht in jeder Hinsicht behandelt uns die Alterssichtigkeit gleich, denn weitsichtige Menschen bemerken sie früher als kurzsichtige Menschen. Während sich bei einer Weitsichtigkeit die Effekte aus dem Brechungsfehler und der alterungsbedingten Erhöhung des Nahpunkts addieren, können sich bei einer Kurzsichtigkeit beide Effekte ausgleichen. So macht sich die Alterssichtigkeit erst später oder manchmal auch gar nicht bemerkbar. Die Tabelle[3] zeigt in Richtwerten, wie sich der voranschreitende Alterungsprozess der Linse auf die Fähigkeit des Fokussierens auswirkt.

Alle fünf Jahre kann von einer Steigerung der benötigten Korrektur um +0,75 Dioptrien ausgegangen werden. Mit 65 Jahren findet in der Regel keine weitere Verschlechterung mehr statt.

Wie können Sie mit Alterssichtigkeit umgehen?

Die beiden Grafiken veranschaulichen das Prinzip der Korrektur von Alterssichtigkeit. Während die Linse in der ersten Abbildung den Brennpunkt hinter die Netzhaut legt, positioniert sie ihn in der zweiten Abbildung genau auf die Netzhaut. Als Ersatz für die verlorene Brechkraft der Linse stellt die Korrektur die Fähigkeit zum Scharfstellen wieder her.

Wie bei der Weit- oder Kurzsichtigkeit können Sie entscheiden, auf welche Weise die Korrektur umgesetzt werden soll.

Brille, Kontaktlinsen und Co. – das sind die Behandlungsmöglichkeiten

Es gibt einige Optionen für den Ersatz der verloren gegangenen Brechkraft:

  • Lesebrille
  • Kontaktlinsen
  • Operative Verfahren
  • Lasern

 

Welche Maßnahmen sinnvoll und notwendig sind, richtet sich nicht nur nach dem Ausmaß der Alterssichtigkeit, sondern hängt auch davon ab, ob zusätzliche Beeinträchtigungen durch eine Fehlsichtigkeit oder den Grauen Star  vorliegen. Doch neben den medizinischen Anforderungen sollten Sie sich auch von Ihren Vorstellungen vom eigenen Erscheinungsbild und dem Komfort im Alltag leiten lassen.

Die einfachste Abhilfe schafft die Lesebrille. Konvexe, also nach außen gewölbte Gläser, verleihen Ihnen wieder scharfe Sicht auf die Tageszeitung. Zählen Sie jedoch zu denen, die zwei Brillen benötigen, so bietet sich eine Bifokalbrille an, die oben für die Fernsicht und unten für die Nahsicht eingestellt ist. Bei Gleitsichtgläsern ist kein Übergang zwischen den beiden Bereichen sichtbar, was angenehmer für die Augen ist. Dennoch verlangen Ihnen Gleitsichtbrillen eine gewisse Eingewöhnungszeit ab, während der Schwindel und Kopfschmerzen auftreten können.

Für Alterssichtige, die nicht mit einer Brille hantieren wollen, bieten sich harte oder weiche Kontaktlinsen an. Darüber hinaus haben Sie die Wahl zwischen verschiedenen Optionen zur Verbesserung Ihres Sehvermögens. Bei der Monovision wird das dominante Auge auf die Fernsicht eingestellt und das andere Auge bekommt eine Linse, die es auf Nahsicht optimiert. Das Gehirn setzt nun die Seheindrücke so zusammen, dass beide Bereiche als scharf wahrgenommen werden. Bei diesem Ansatz wird jedoch das räumliche Sehen (Stereosehen) eingeschränkt, was Sie beim Autofahren oder genauen Platzieren von Gegenständen stören kann.

Bifokale Kontaktlinsen funktionieren nach demselben Zwei-Zonen-Prinzip wie die Gleitsichtbrille. Beim simultanen Prinzip weist die Kontaktlinse dagegen um den Mittelpunkt angeordnete konzentrische Ringe auf. Die entstehenden Bereiche bilden jeweils unterschiedliche Sehentfernungen scharf ab. Bei Kontaktlinsen sollten Sie darauf achten, dass der Augenarzt Ihr Auge genau vermisst, damit ein idealer Sitz erreicht wird. Die optimale Pflege und die Tragezeiten besprechen Sie am besten mit dem Optiker.

Sie sind sich nicht sicher, welche Sehhilfe für Sie die richtige ist? Dann lesen Sie auch unseren Artikel „Brille oder Kontaktlinsen?“. Dort finden Sie mehr zu diesem Thema. Wenn Sie weder Brille noch Kontaktlinsen tragen möchten, bleiben Ihnen die Implantierung einer Kunstlinse und die Behandlung mit Laser als dauerhafte Verfahren. Beide Ansätze sind nur schwer reversibel und sollten daher wohl überlegt sein. Linsenimplantate ersetzen die natürliche Linse und stellen die Brechkraft auf verschiedene Weise wieder her. Wenn Sie mit Gleitsichtbrillen zurechtkommen, dann sind starre Linsen eine gute Option.

Dauerhaft lässt sich die Monovision mit verschiedenen Lasertechniken umsetzen. Auch hier sollten Sie den Gewöhnungseffekt nicht unterschätzen und das erwartete Ergebnis gegebenenfalls erst mit Kontaktlinsen simulieren. Die LASIK-Methode und die Conduktive Keratoplastik (CK) verfügen mittlerweile über einen anerkannt hohen Qualitätsstandard. Zwei weitere Laserverfahren befinden sich derzeit in der Erprobung: das Weichlasern der Linse und das Einsetzen von Hornhaut-Implantaten zur Erhöhung der Tiefenschärfe.

Kann ich Alterssichtigkeit vorbeugen?

Die gute Nachricht lautet: Alterssichtigkeit ist ein ganz natürlicher Prozess und keine Krankheit. Die schlechte Nachricht: Der Alterungsprozess kann nach heutigem Wissensstand weder aufgehalten noch rückgängig gemacht werden. Es bleibt lediglich, die Symptome der Alterssichtigkeit zu behandeln und mit der Unterstützung von Augenarzt, Optiker und gegebenenfalls Chirurg die individuell beste Korrekturmaßnahme zu finden.

Was bedeutet Alterssichtigkeit für den Geldbeutel?

Finanziell können Sie sich dagegen aktiv absichern. Brillen oder Kontaktlinsen zur Korrektur von Alterssichtigkeit werden von der gesetzlichen Krankenkasse nur noch in Ausnahmefällen bezuschusst. Entsprechende Zusatzversicherungen erstatten jedoch turnusmäßig zumindest Aufwendungen für Gläser, Brillengestelle und Kontaktlinsen. Operative Eingriffe und Lasern gelten als sogenannte Wunschmedizin und werden ebenfalls nicht von der Krankenkasse getragen.

Tipp: Im Tarif PraxisTop der Envivas bekommen Sie beispielsweise neben der Erstattung der Kosten für Kontaktlinsen und Brillengläser sogar einen Zuschuss in Höhe von bis zu 150 Euro in zwei aufeinanderfolgenden Kalenderjahren für Gläser, Linsen und Gestelle.

Quellennachweise

  1. https://www.apotheken-umschau.de/Alterssichtigkeit/Alterssichtigkeit-Behandlung–Lesebrillen-11406_5.html
  2. https://www.blickcheck.de/auge/funktion/brechkraft/
  3. http://www.zva.de/brillenstudie