Weitsichtigkeit: Wenn der Alltag ohne Brille unmöglich wird

Die Arme werden länger und länger, aber der Zeitungsartikel ist immer noch zu nah? Ein Phänomen, das viele Menschen kennen: Die Weitsichtigkeit. Vielleicht haben Sie auch schon einmal gehört, dass vor allem ältere Menschen davon betroffen sind. Tatsächlich leiden jedoch mehr als 35 Prozent der unter 60-Jährigen unter einer Weitsichtigkeit.[1] Und Augenärzte gehen sogar von einer nicht unwesentlichen Dunkelziffer weitsichtiger Kinder aus.[2]

Was es für das Auge bedeutet, wenn es weitsichtig ist, welche Ursachen eine Weitsichtigkeit hat, welche Signale Sie ernst nehmen sollten und wie Sie eine Weitsichtigkeit behandeln können, erklären wir Ihnen in diesem Artikel.

Woran erkenne ich, dass ich weitsichtig bin?

Eine Weitsichtigkeit, auch Hyperopie oder Übersichtigkeit genannt, ist ebenso wie die Kurzsichtigkeit  eine Form der Fehlsichtigkeit. Sie erschwert es Betroffenen, nahe Objekte scharf zu erkennen. Oft macht sich eine Einschränkung der Sehfähigkeit zuerst beim Lesen oder der Arbeit am Computer bemerkbar. Beobachten Sie einmal bei sich selbst, ob Sie den Abstand zu Ihrem Buch oder Bildschirm vergrößern müssen, um Buchstaben besser erkennen zu können. Wenn Ihnen das Lesen zudem Kopfschmerzen oder ein Brennen und Schmerzen im Bereich der Augen verursacht, dann ist es an der Zeit für einen Besuch beim Augenarzt. Weitere Anhaltspunkte für eine Weitsichtigkeit sind:

  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Brennende Augen
  • Augenschmerzen
  • Bindehautentzündung

Das weitsichtige Auge: Was dahinter steckt

Wenn beim Blick in die Nähe Bilder unscharf erscheinen, kann es zweierlei Ursachen geben: Eine zu geringe Brechkraft des Auges oder ein zu kurzer Augapfel.

Ursache Brechungshyperopie: Verminderte Brechkraft der Linse

Zum Verständnis ein kleiner Exkurs: Um scharf sehen zu können, werden die ins Auge einfallenden Lichtstrahlen normalerweise auf einem Punkt auf der Netzhaut gebündelt. Das bedeutet, das Licht wird von den Komponenten des dioptrischen Apparates, also Hornhaut, Glaskörper und Augenlinse, gebrochen. Ist die Brechkraft Ihres Auges zu niedrig, dann werden die Lichtstrahlen beim Blick in die Ferne hinter der Netzhaut und nicht exakt auf ihr gebündelt. Die Folge: Es entsteht erst hinter der Netzhaut ein scharfes Bild, das Sie dann als unscharfe Abbildung wahrnehmen.

Ursache Achsenhyperopie: Wenn der Augapfel zu kurz ist

Es gibt aber noch einen weiteren, deutlich häufigeren Grund für eine Weitsichtigkeit: Wenn die Brechkraft des Auges ausreicht, aber der Augapfel zu kurz ist, entsteht derselbe Effekt. Ein kurzes Beispiel: Bei einem gesunden Auge misst der Augapfel ungefähr 24 mm. Ist der Augapfel stattdessen nur 23 mm lang, dann macht das bereits eine Korrektur von +3 Dioptrien (dpt) erforderlich.

Die Brechkraft des Auges

Die Brechkraft unseres Auges wird in Dioptrien gemessen. Ein gesundes Auge weist einen Normalwert von 60 bis 65 Dioptrien auf. Eine Fehlsichtigkeit erkennen die Augenärzte an der Abweichung von diesem Wert, die bei jedem Menschen unterschiedlich stark sein kann. Liegt eine Weitsichtigkeit vor, wird diese mit einem Plus gekennzeichnet, bei Kurzsichtigkeit wird ein Minus vermerkt.

Die Tücke daran: Weitsichtige mit einem zu kurzen Augapfel sehen bis ins Alter von etwa 30 Jahren sowohl in die Ferne als auch in die Nähe gut. Dabei müssen betroffene Personen ihre Augenmuskeln zwar übermäßig anstrengen, aber die eigentliche Fehlsichtigkeit bleibt häufig lange unentdeckt. Und so funktioniert’s: Im Normalzustand ist Ihre Linse auf Fernsicht eingestellt. Das heißt, der Ziliarmuskel ist entspannt. Um nahe Gegenstände scharf zu erkennen, muss die Brechkraft der Linse gesteigert werden. Das passiert, indem Sie Ihren Ziliarmuskel anspannen. Wollen Sie also nahe Objekte ansehen, nutzen Sie den Ziliarmuskel, um die Brechkraft der Linse zu erhöhen und so das Bild scharfzustellen – diesen Vorgang nennt man Akkommodation. Die Akkommodation steht grundsätzlich nicht nur mit der Weitsichtigkeit in Verbindung, sie ist eine natürliche Fähigkeit, die alle Menschen haben, um ihre Sehschärfe an unterschiedliche Entfernungen anpassen zu können. Der Teil der Weitsichtigkeit, der durch die Akkommodation ausgeglichen werden kann, wird als latente Weitsichtigkeit bezeichnet. Dabei können Weitsichtige die fehlende Bildschärfe kompensieren, beanspruchen jedoch den Ziliarmuskel übermäßig. Eine „Taktik”, die vor allem bei jungen Menschen häufig noch sehr gut funktioniert. Die Brechkraft der Linse hat jedoch ihre natürlichen Grenzen, der Blick in die Nähe ist anstrengend. Ab circa 40 Jahren kommt erschwerend hinzu, dass die Linse an Elastizität verliert und damit auch Brechkraft einbüßt. Die Folge: Die Symptome der Weitsichtigkeit nehmen zu, Bilder werden nicht mehr punktgenau auf der Netzhaut abgebildet.

Weitsichtigkeit bei Kindern

Tatsächlich ist es so, dass fast alle Kinder bis ins Vorschulalter hinein leicht weitsichtig sind. Die Weitsichtigkeit ist Teil ihrer Entwicklung und nimmt im Laufe der Zeit stetig ab. Das bedeutet, Kinder haben in der Regel keine Beschwerden damit und können später durchaus ohne Fehlsichtigkeit leben. Das liegt auch daran, dass sie ihre Fähigkeit zur Akkommodation nutzen: Durch ihre noch sehr elastische Linse können sie die Weitsichtigkeit leicht ausgleichen, indem sie den Ziliarmuskel anspannen. Dennoch ist es für Sie als Eltern wichtig, das Ausmaß der Weitsichtigkeit Ihres Kindes untersuchen zu lassen, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Vor allem, wenn erste Beschwerden wie Probleme beim Lesen und Schreiben auftreten.

Auch ein Schielen kann ein erstes Anzeichen für eine Fehlsichtigkeit sein. Denn durch das Anspannen des Ziliarmuskels kommt es zu einer Einwärtsbewegung der Augäpfel. Um eine sogenannte Amblyopie (Schwachsichtigkeit) zu vermeiden, sollten Sie rechtzeitig reagieren, wenn Ihr Kind zu schielen beginnt. Denn durch das Schielen entstehen Doppelbilder, die das Gehirn verwirren. In der Folge unterdrückt das Gehirn die Information aus einem Auge und nur das andere Auge ist aktiv am Sehprozess beteiligt. Dies lässt sich problemlos behandeln, wenn Sie frühzeitig eingreifen. Zögern Sie also nicht, zum Augenarzt zu gehen: Bereits in der Pubertät verschlechtern sich die Chancen einer erfolgreichen Behandlung.

Die Diagnose der Weitsichtigkeit

Erkennen Sie erste Anzeichen einer Weitsichtigkeit, ist der Gang zum Augenarzt der nächste Schritt. Er wird Sie nach einem kurzen Gespräch zum Sehtest bitten. Dabei bestimmt er für jedes Auge einzeln die Sehschärfe in Nähe und Ferne, um Ihre Augen grundsätzlich auf eine Fehlsichtigkeit zu überprüfen. Meist verwendet der Arzt dazu Sehtesttafeln, auf denen Buchstaben in verschiedenen Größen abgebildet sind. Ihre Aufgabe ist es, die Buchstaben aus einer bestimmten Entfernung zu lesen. Anhand der Buchstabengröße, die Sie fehlerfrei erkennen können, entscheidet der Augenarzt, ob Sie eine Sehhilfe benötigen. Hier wird es jedoch kritisch: Denn durch den latenten Anteil der Weitsichtigkeit kann der Anschein einer Normalsichtigkeit entstehen. Besonders Kinder und Jugendliche mit einer beginnenden Weitsichtigkeit sind es gewohnt, durch die Anspannung Ihres Ziliarmuskels eine Bildschärfe herzustellen und können die Buchstaben daher fehlerfrei erkennen. In diesen Fällen wird der Ziliarmuskel daher oftmals durch die Gabe von Augentropfen vorübergehend betäubt. Das Auge kann nun nicht mehr akkommodieren und die tatsächliche Sehstärke kann ermittelt werden.

Nach dieser ersten Einschätzung bestimmt der Augenarzt Ihre benötigte Sehstärke. In der Regel nutzt er dafür zunächst eine Messeinrichtung, die ohne Ihre aktive Mitarbeit die ideale Linsenstärke erkennen kann. In der Fachsprache ist das die objektive Refraktionsbestimmung. Im Anschluss steht Ihre persönliche Wahrnehmung im Mittelpunkt – schließlich können nur Sie selbst Ihren optimalen Seheindruck einschätzen. Das bedeutet, Sie geben an, mit welchen Gläsern Sie am besten sehen und beantworten dabei Kontrollfragen des Arztes, um Missverständnisse zu vermeiden. Die Kombination aus der objektiven und subjektiven Bestimmung ergibt im Ergebnis die nötige Korrekturstärke.

Info

Übrigens: Bei Erwachsenen ist die subjektive Bestimmung oftmals ausreichend für eine Bestimmung der Korrekturstärke. Die objektive Refraktionsbestimmung wird häufig bei Kindern oder bei unklaren Beschwerden wie Kopfschmerzen angewendet. So können Fehler in der Verordnung einer Sehhilfe vermieden werden. Denken Sie auch daran, dass die Ergebnisse eines Sehtests keineswegs immer gleich ausfallen – Tageszeit, Beleuchtung und Ihre Tagesform können einen Unterschied machen. Der Augenarzt wird dies berücksichtigen und Sie eventuell zu einem zweiten Test bitten, bevor Sie sich eine neue Sehhilfe anpassen lassen. Auch ein Optiker kann einen weiteren Sehtest durchführen.

 

Quellennachweise

  1. Fehlsichtigkeiten, http://cms.augeninfo.de/nc/hauptmenu/presse/statistiken/statistik-fehlsichtigkeiten.html, abgerufen am 07.03.2018.
  2. Ebd.